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250 Euro kostet sein Leben

Baby Hezekiel lebt. Er hat die Nacht überstanden. Wir erkennen den Kleinen kaum wieder, als wir ihn am nächsten Tag im Privatkrankenhaus besuchen. Nur 250 Euro kostet uns Hezekiels Leben. Noch am Vortag war der kleine Junge mehr tot als lebendig. Er war völlig dehydriert und in einer sehr schlechten Verfassung. Der fast vier Monate alte Säugling wog nur noch drei Kilo. Die Ärzte gaben ihm kaum eine Überlebenschance. Heute lächelt das Baby.

Baby Hezekiel hat überlebt. Einen Tag nachdem er fast gestorben wäre, schaut der Säugling schon besser aus. Im Krankenhaus bekam das völlig dehydrierte Kind Invusionen.

Josephine Mutisya, die Gründerin des „Mighty Redeemer”-Waisenhauses, wacht im Krankenhaus an Hezekiels Seite. Denn in kenianischen Kliniken muss die Mutter – oder eben die Hausmutter – das Füttern, Waschen und Versorgen des kleinen Patienten selbst übernehmen. Für Ruth, die einzig andere Hausmutter im „Mighty Redeemer Orphanage”, bedeutet dies, dass sie allein auf Baby Blessing und neun kleine Kinder aufpassen muss. Sie muss Fläschchen geben, wickeln, kochen und putzen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ohne Unterbrechung. Ihre eigenen beiden Kinder hat sie bei den Grosseltern zurückgelassen, um in Kiembeni ein wenig Geld zu verdienen. 60 Euro im Monat.

Die Kinder essen täglich Ugali (Maisbrei) mit Spinat. Für eine ausgewogene Ernährung fehlt das Geld.

James liegt unter dem Tisch. Da liegt er immer. Im dunklen Zimmer. James ist ungefähr zwei Jahre alt. Er kann nicht laufen. Er kann nicht stehen. Wenn er sitzt, fällt er um, weil seine Wirbelsäule wie aus Gummi ist. Mit großen Augen beobachtet er seine Umgebung. Seine Wange ruht dabei stets auf dem kaputten Steinboden.

Der kleine James liegt stets unter dem Tisch, weil er nicht sitzen, stehen oder laufen kann. Der Mangel an Milch und Sonnenlicht hat seine Knochen krank gemacht.

James ist eines der elf Kinder im „Mighty Redeemer”-Waisenhaus. Seitdem der drei Monate alte Hezekiel im Krankenhaus liegt, sind die anderen zehn Kinder mit Hausmutter Ruth allein. Es sind menschenunwürdige Bedingungen unter denen die Waisenkinder „gehalten” werden. Von guter Versorgung oder gar Betreuung kann nicht die Rede sein. „Die Kinder sind alle krank”, stellt meine Freundin und Ärztin Vera Fleig fest. Sie ist schockiert, denn der kleine James und vier andere Kinder haben Rachitis, eine aus Mangelernährung und nicht genügend Sonnenlicht resultierende Knochenkrankheit. Deshalb kann James nur liegen und Zacharias nur sitzen. Früher trat die Krankheit vor allem in England zu Zeiten der Industrialisierung auf – bei Kindern, die unter Tage in Bergwerken arbeiten mussten. Durch das fehlende Sonnenlicht haben die Kinder einen Mangel an Vitamin D. Durch nicht genügend Milchverzehr fehlt es den Kindern an Calcium. Dadurch verformen sich die Knochen. Es kommt zu gummiartigen Beinen, deformierten Handgelenken und einer instabilen Wirbelsäule. Laut internationalen Statistiken tritt diese Krankheit derzeit immer häufiger in afrikanischen Ländern auf. Vera ist fassungslos. „Es ist unglaublich, dass hier Kinder durch Mangel an Sonnenlicht krank werden – in einem Land, indem 12 Stunden am Tag die Sonne scheint.“

Neun Kinder teilen sich das kleine Zimmer.

Josephines Kinderheim ist nicht registriert. Trotzdem bekommt die Pastorin immer mehr schwerkranke Kinder gebracht – von offizieller Seite. „Ich gebe ihr die Kinder, weil Josephine sehr engagiert und nicht an Geld interessiert ist“, erklärt uns Rose Mumbo vom Childrens Departement (Jugendamt) in Mombasa. Es gebe noch viel schlimmere Heime, betont sie. Erst kürzlich musste die Behörde dutzende Heime schließen, weil die Betreuer Spendengelder veruntreuten, um sich selbst zu bereichern – zum Leidwesen der Waisen.

Die Kinder essen täglich Ugali (Maisbrei) mit Spinat. Für eine ausgewogene Ernährung fehlt das Geld.

Für eine adäquate Versorgung von Waisenkindern braucht es viel Personal. Rose Mumbo verdeutlicht dies am Beispiel des noch im Bau befindlichen „Shining Orphans”-Waisenhauses des Kirchhainer Ehepaars Müller in Kashani. Für die dort geplanten 24 Kinder benötige man drei Hausmütter, Bewacher des Grundstücks, Köche, Putzfrauen und vor allem eine Krankenschwester. Die ist unerlässlich, insbesondere, wenn man HIV-positive Kinder betreut. „Mit HIV-Infektionen gehen häufig andere Erkrankungen einher – wie Tuberkulose, Ohrenentzündungen und Lungenentzündungen, Pilzinfektionen und Durchfall”, weiß Medizinerin Vera. Gibt es keine rechtzeitige Behandlung dieser Folgeerkrankungen, ist das Leben des Kindes in Gefahr. Wie bei Baby Hezekiel.

In Kenia erhalten Kinderheime keine Unterstützung vom Staat. Josephine Mutisya versucht ihr Bestes. Sie hatte einen gut bezahlten Job in einem Hotel. Sie gab ihn auf, als sie vom Schicksal kenianischer Waisen erfuhr. Ohne Sponsoren, ohne Erfahrung und ohne Hilfe gründete sie das „Mighty Redeemer”-Waisenhaus. Nur mit dem Glauben, dass es ihre von Gott gewollte Bestimmung sei. Dies wird ihr nun zum Verhängnis. Es gibt kein fließendes Wasser. Die Kinder trinken Brunnenwasser, das laut Jugendamt nicht sauber und schon gar nicht keimfrei ist. Die Kinder ernährt Josephine täglich mit Ugali (Maisbrei) und Spinat. Eine weitere Hausmutter kann sie sich nicht leisten. Deshalb hat iemand Zeit, mit den Kindern nach draußen in die Sonne zu gehen. Das macht die Kinder krank. Dabei leiden die meisten ohnehin an Erkrankungen – oder sind aufgrund ihrer Vergangenheit psychisch schwer traumatisiert. Die achtjährige Anna und einige der anderen Kinder lebten auf der Straße. Der kleine Zacharias wurde auf einer Müllkippe gefunden. In einigen der Heimen, die das Jugendamt schloss, wurden die Kinder an Männer verkauft, die sich an ihnen vergingen. Nicht selten waren diese Männer Europäer. „Geld verleiht Macht. Und Macht wird oft missbraucht”, sagt Josephine.

Paul und die anderen Kinder im "Mighty Redeemer"-Waisenhaus bekommen keine Unterstützung. Sponsoren gibt es keine, der Staat hilft nicht.

Wir helfen, stellen für 60 Euro im Monat eine weitere Hausmutter ein. Auch Rose Mumbo vom Jugendamt hilft spontan. Sie veranlasst, dass Hezekiel schnell in das in der Nähe gelegne „Tumaini”-Waisenhaus kommt. Dort gibt es medizinische Versorgung für das Baby. Eine Krankenschwester arbeitet in dem Heim, in dem 24 zum Teil HIV-positive Kinder leben. Im Krankenhaus wurde Hezekiels Blut untersucht. Seine Helferzellen lagen bei 700. „Ein sehr guter Wert“, freut sich die deutsche Ärztin Vera Fleig: „Das Ergebnis deutet darauf hin, dass der Kleine vielleicht Glück hat und gar nicht HIV-positiv ist.”