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250 Euro kostet sein Leben

Baby Hezekiel lebt. Er hat die Nacht überstanden. Wir erkennen den Kleinen kaum wieder, als wir ihn am nächsten Tag im Privatkrankenhaus besuchen. Nur 250 Euro kostet uns Hezekiels Leben. Noch am Vortag war der kleine Junge mehr tot als lebendig. Er war völlig dehydriert und in einer sehr schlechten Verfassung. Der fast vier Monate alte Säugling wog nur noch drei Kilo. Die Ärzte gaben ihm kaum eine Überlebenschance. Heute lächelt das Baby.

Baby Hezekiel hat überlebt. Einen Tag nachdem er fast gestorben wäre, schaut der Säugling schon besser aus. Im Krankenhaus bekam das völlig dehydrierte Kind Invusionen.

Josephine Mutisya, die Gründerin des „Mighty Redeemer”-Waisenhauses, wacht im Krankenhaus an Hezekiels Seite. Denn in kenianischen Kliniken muss die Mutter – oder eben die Hausmutter – das Füttern, Waschen und Versorgen des kleinen Patienten selbst übernehmen. Für Ruth, die einzig andere Hausmutter im „Mighty Redeemer Orphanage”, bedeutet dies, dass sie allein auf Baby Blessing und neun kleine Kinder aufpassen muss. Sie muss Fläschchen geben, wickeln, kochen und putzen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ohne Unterbrechung. Ihre eigenen beiden Kinder hat sie bei den Grosseltern zurückgelassen, um in Kiembeni ein wenig Geld zu verdienen. 60 Euro im Monat.

Die Kinder essen täglich Ugali (Maisbrei) mit Spinat. Für eine ausgewogene Ernährung fehlt das Geld.

James liegt unter dem Tisch. Da liegt er immer. Im dunklen Zimmer. James ist ungefähr zwei Jahre alt. Er kann nicht laufen. Er kann nicht stehen. Wenn er sitzt, fällt er um, weil seine Wirbelsäule wie aus Gummi ist. Mit großen Augen beobachtet er seine Umgebung. Seine Wange ruht dabei stets auf dem kaputten Steinboden.

Der kleine James liegt stets unter dem Tisch, weil er nicht sitzen, stehen oder laufen kann. Der Mangel an Milch und Sonnenlicht hat seine Knochen krank gemacht.

James ist eines der elf Kinder im „Mighty Redeemer”-Waisenhaus. Seitdem der drei Monate alte Hezekiel im Krankenhaus liegt, sind die anderen zehn Kinder mit Hausmutter Ruth allein. Es sind menschenunwürdige Bedingungen unter denen die Waisenkinder „gehalten” werden. Von guter Versorgung oder gar Betreuung kann nicht die Rede sein. „Die Kinder sind alle krank”, stellt meine Freundin und Ärztin Vera Fleig fest. Sie ist schockiert, denn der kleine James und vier andere Kinder haben Rachitis, eine aus Mangelernährung und nicht genügend Sonnenlicht resultierende Knochenkrankheit. Deshalb kann James nur liegen und Zacharias nur sitzen. Früher trat die Krankheit vor allem in England zu Zeiten der Industrialisierung auf – bei Kindern, die unter Tage in Bergwerken arbeiten mussten. Durch das fehlende Sonnenlicht haben die Kinder einen Mangel an Vitamin D. Durch nicht genügend Milchverzehr fehlt es den Kindern an Calcium. Dadurch verformen sich die Knochen. Es kommt zu gummiartigen Beinen, deformierten Handgelenken und einer instabilen Wirbelsäule. Laut internationalen Statistiken tritt diese Krankheit derzeit immer häufiger in afrikanischen Ländern auf. Vera ist fassungslos. „Es ist unglaublich, dass hier Kinder durch Mangel an Sonnenlicht krank werden – in einem Land, indem 12 Stunden am Tag die Sonne scheint.“

Neun Kinder teilen sich das kleine Zimmer.

Josephines Kinderheim ist nicht registriert. Trotzdem bekommt die Pastorin immer mehr schwerkranke Kinder gebracht – von offizieller Seite. „Ich gebe ihr die Kinder, weil Josephine sehr engagiert und nicht an Geld interessiert ist“, erklärt uns Rose Mumbo vom Childrens Departement (Jugendamt) in Mombasa. Es gebe noch viel schlimmere Heime, betont sie. Erst kürzlich musste die Behörde dutzende Heime schließen, weil die Betreuer Spendengelder veruntreuten, um sich selbst zu bereichern – zum Leidwesen der Waisen.

Die Kinder essen täglich Ugali (Maisbrei) mit Spinat. Für eine ausgewogene Ernährung fehlt das Geld.

Für eine adäquate Versorgung von Waisenkindern braucht es viel Personal. Rose Mumbo verdeutlicht dies am Beispiel des noch im Bau befindlichen „Shining Orphans”-Waisenhauses des Kirchhainer Ehepaars Müller in Kashani. Für die dort geplanten 24 Kinder benötige man drei Hausmütter, Bewacher des Grundstücks, Köche, Putzfrauen und vor allem eine Krankenschwester. Die ist unerlässlich, insbesondere, wenn man HIV-positive Kinder betreut. „Mit HIV-Infektionen gehen häufig andere Erkrankungen einher – wie Tuberkulose, Ohrenentzündungen und Lungenentzündungen, Pilzinfektionen und Durchfall”, weiß Medizinerin Vera. Gibt es keine rechtzeitige Behandlung dieser Folgeerkrankungen, ist das Leben des Kindes in Gefahr. Wie bei Baby Hezekiel.

In Kenia erhalten Kinderheime keine Unterstützung vom Staat. Josephine Mutisya versucht ihr Bestes. Sie hatte einen gut bezahlten Job in einem Hotel. Sie gab ihn auf, als sie vom Schicksal kenianischer Waisen erfuhr. Ohne Sponsoren, ohne Erfahrung und ohne Hilfe gründete sie das „Mighty Redeemer”-Waisenhaus. Nur mit dem Glauben, dass es ihre von Gott gewollte Bestimmung sei. Dies wird ihr nun zum Verhängnis. Es gibt kein fließendes Wasser. Die Kinder trinken Brunnenwasser, das laut Jugendamt nicht sauber und schon gar nicht keimfrei ist. Die Kinder ernährt Josephine täglich mit Ugali (Maisbrei) und Spinat. Eine weitere Hausmutter kann sie sich nicht leisten. Deshalb hat iemand Zeit, mit den Kindern nach draußen in die Sonne zu gehen. Das macht die Kinder krank. Dabei leiden die meisten ohnehin an Erkrankungen – oder sind aufgrund ihrer Vergangenheit psychisch schwer traumatisiert. Die achtjährige Anna und einige der anderen Kinder lebten auf der Straße. Der kleine Zacharias wurde auf einer Müllkippe gefunden. In einigen der Heimen, die das Jugendamt schloss, wurden die Kinder an Männer verkauft, die sich an ihnen vergingen. Nicht selten waren diese Männer Europäer. „Geld verleiht Macht. Und Macht wird oft missbraucht”, sagt Josephine.

Paul und die anderen Kinder im "Mighty Redeemer"-Waisenhaus bekommen keine Unterstützung. Sponsoren gibt es keine, der Staat hilft nicht.

Wir helfen, stellen für 60 Euro im Monat eine weitere Hausmutter ein. Auch Rose Mumbo vom Jugendamt hilft spontan. Sie veranlasst, dass Hezekiel schnell in das in der Nähe gelegne „Tumaini”-Waisenhaus kommt. Dort gibt es medizinische Versorgung für das Baby. Eine Krankenschwester arbeitet in dem Heim, in dem 24 zum Teil HIV-positive Kinder leben. Im Krankenhaus wurde Hezekiels Blut untersucht. Seine Helferzellen lagen bei 700. „Ein sehr guter Wert“, freut sich die deutsche Ärztin Vera Fleig: „Das Ergebnis deutet darauf hin, dass der Kleine vielleicht Glück hat und gar nicht HIV-positiv ist.”

Kampf um ein bisschen Leben

Er kämpft um sein kleines Leben. Wir rasen durch die dreckigen Straßen von Mombasa. Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Er hat hohes Fieber. Seine winzige Hand klammert sich um den Finger meiner Freundin Vera, die ihn im Arm hält. Hezekiel ist erst drei Monate alt. Er ist Waise. Er hat Aids. Wir wissen nicht, ob er die Fahrt zum Krankenhaus überlebt.

Meine Freundin Vera hält den aidskranken Hezekiel im Arm, als wir mit einem Taxi ins Krankenhaus rasen.

Eine Stunde zuvor: Josephine Mutisya nimmt vorsichtig das kleine Bündel Mensch auf den Arm und gibt ihm ein Fläschchen Milch. Josephine leitet das „Mighty Redeemer Orphanage“, ein kleines Waisenhaus in Kiembeni, einem Vorort von Mombasa. „Ich bin die Mutter und Gott ist der Vater”, sagt die Pastorin und lächelt. In dem kleinen, dunklen Raum stehen lediglich ein Tisch, sechs Stühle und ein kleines Schränkchen. Die Kinder krabbeln unter dem Tisch hindurch, wenn sie von der Feuerstelle zum Kochen hinter dem Haus in ihr Zimmer wollen. Es gibt kein fließendes Wasser. Josephine kümmert sich mit einem Kindermädchen um elf Kinder. Vier von ihnen sind HIV-positiv.

Josephine Mutisya kümmert sich um Waisen. Vier von ihnen sind HIV-positiv."

Laut Unicef sind in Kenia mehr als 1 Million Kinder mit dem HI-Virus infiziert. Die Säuglingssterblichkeit lag im Jahr 2008 bei 77 je 1.000 Geburten, die Müttersterblichkeit bei 560 je 100.000 Geburten. Experten zufolge gibt es keine Familie, in der nicht Familienmitglieder mit HIV infiziert oder an AIDS gestorben sind. Immer mehr Kinder werden so zu Aids-Waisen. Für die Kinder von Eltern, die an AIDS gestorben sind, beginnt ein Teufelskreis. Das einzige soziale Netz sind die Großfamilien. Finden sie keine Verwandten, die bereit sind, sie aufzunehmen, beginnt das Leben auf der Straße oder in einem Heim. Das ist – aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in den Heimen – mitunter auch nicht viel besser als auf der Straße.

Auf der Straße fand die Polizei auch einen Jungen, der seit einer Woche bei Josephine lebt. Die 40-Jährige hat ihm noch keinen Namen gegeben. Und so nennen ihn die anderen Kinder „Mtoto mgeni”- das fremde Kind. Der Junge hat seit seiner Ankunft kein Wort gesprochen. Dafür schreit er. Er entdeckt uns, zuckt zusammen, schreit und weint in wilder Panik. “Wir haben keine Ahnung, was er alles erlebt hat, aber es müssen schreckliche Dinge gewesen sein”, sagt Josephine und versucht, den ungefähr zwei Jahre alten Jungen zu beruhigen. Es gelingt ihr nur schwer. Auch unsere Taxifahrerin Mashy redet auf den Jungen ein. Versehentlich verfällt sie dabei in ihre Stammessprache – und plötzlich wird der kleine Junge ganz ruhig. Er hört auf zu weinen, lässt sich von Mashy sogar auf den Schoss nehmen. Josephine ist völlig baff: “Deswegen weint er ständig, er hat uns einfach nicht verstanden.” Josephine gehört dem Stamm der Kamba an, Mashy ist Taita. Die allgemein gesprochene Amtssprache Suaheli erlernen Kinder erst ab dem fünften Lebensjahr in der Schule. Niemand wusste, dass der Junge Taita ist.

Unsere Taxifahrerin konnte den verängstigten Waisenjungen beruhigen. Durch Zufall spricht sie die gleiche Stammessprache.

Laut Statistiken stirbt in Kenia jedes achte Kind vor seinem fünften Lebensjahr. Jeder dritte Säugling wird nicht ausreichend geimpft. Infektionskrankheiten wie Masern, Polio oder Tetanus bedrohen ihr Leben. Seit 2006 ist die Behandlung von HIV in Kenia kostenlos möglich, da durch Sponsoren Medikamente zur Verfügung gestellt werden. Die Behandlung von Krankheiten, die durch die Immunschwäche resultieren (Durchfall, Lungenentzündung, Pilzinfektionen) müssen gezahlt werden. Lediglich Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr erhalten diese Behandlung in öffentlichen Krankenhäusern kostenlos. Allerdings kann dort von guter medizinischer Versorgung nicht die Rede sein. “Man wartet den ganzen Tag und kommt dann nicht dran”, erzählt Josephine und berichtet, dass es häufig keine Medikamente gab und sie in die Stadt gehen musste, um selbst welche zu kaufen.

Die beiden Babys Blessing und Hezekiel teilen sich ein Bettchen. Der kleine Junge wurde aus dem staatlichen Krankenhaus entlassen - trotz Durchfall.

Baby Hezekiel ist ein Paradebeispiel für die schlechte Versorgung. Er verbrachte die meiste Zeit seines kurzen Lebens im staatlichen Krankenhaus. “Gestern haben sie ihn entlassen”, sagt Josephine und zeigt uns den kleinen Jungen, der zusammen mit dem drei Monate alten Mädchen “Blessing” in einem Bettchen liegt. Baby Hezekiel weint. Er hat Durchfall und hohes Fieber. Die Wangen des Säuglings sind eingefallen. Seine Augen treten unnatürlich hervor. Er hat spindeldürre Ärmchen und Beinchen. Die Haut hängt schlaff herab. Er ist völlig dehydriert. Meine Freundin Vera ist Ärztin. Sie erkennt die Notsituation. “Wir müssen ins Krankenhaus, schnell.”

Mombasas Straßen sind voll. Wir kommen schlecht voran. Taxifahrerin Mashy tritt aufs Gas. Sie hat Angst, dass Hezekiel stirbt. “Das Fieber ist sehr hoch, sein Blutdruck sinkt”, sagt Vera neben mir und tastet an Hezekiels Leiste nach dem Puls. Josephine betet.

Notärzte gibt es in Kenia nicht. Deshalb fahren wir selbst in ein Privatkrankenhaus, in der Hoffnung, dass er dort gerettet wird. Das Mewa Hospital in Mombasa wird von Muslimen geführt. Vom Minarett ertönen die arabischen Klänge des Vorbeters, als wir in die Notaufnahme eilen. Wir müssen uns setzen. Wir warten. Unsere Taxifahrerin ist sauer, sie spricht einen Arzt in einem langen weißen Kaftan an. Der wirft einen kurzen Blick auf das apathische Baby und sagt, wir sollen in einen Behandlungsraum gehen. Es gibt drei Räume, sie sind nur mit Tüchern von einander abgegrenzt. Zwei englische Ärzte laufen vorbei, werden auf Hezekiel aufmerksam. Sie untersuchen ihn sofort.

Zwei englische Ärzte untersuchen Baby Hezekiel. Sie haben kaum Hoffnung.

Hezekiel rührt sich nicht, als sie ihm einen intravenösen Zugang legen.  Die Ärztin schaut auf, schüttelt mit dem Kopf: “Dieses Baby ist in einer sehr schlechten Verfassung. Es könnte sein, dass es die Nacht nicht überlebt.”

Das drei Monate alte Baby Hezekiel bekommt Sauerstoff und Invusionen. Trotzdem stehen seine Chancen schlecht.

Jeden Tag sterben 750 Menschen an Aids

 Der kleine Pieks rettete wahrscheinlich ihr Leben. Doch jetzt hat sie Angst. Die kleine Samua versteckt sich ganz hinten in der Ecke des Zimmers. Es ist dunkel in dem Raum, in dem nur zwei Betten stehen. Die Fenster sind mit bunten Tüchern verhangen, die das gleißende Sonnenlicht abhalten. “Sie hat Angst, dass ich sie wieder mit der Nadel steche”, sagt Linet Aluma, lacht und marschiert schnurschtracks ins Zimmer hinein.

Linet Aluma hat Aids den Kampf angesagt. Die 34-Jährige arbeitet freiwillig bei ‘’Hope”. Die internationale Hilfsorganisation leistet Aufklärungsarbeit und Beratung für Betroffene. Und das sind nicht wenige. Schätzungen zufolge sterben in Kenia jeden Tag 750 Menschen an Aids. Zwischen 6 und 7 Prozent der Bevölkerung sind HIV-positiv. Der heterosexuelle Geschlechtsverkehr ist der weitaus häufigste Übertragungsweg der HIV-Infektionen. Mehr als zwei Millionen Menschen tragen in dem ostafrikanischen Statt das Virus in sich. In den vergangenen Jahren ist die Rate ungefähr stabil geblieben – auch dank der verbesserten Aufklärungsarbeit.

Wir sind mit Linet bei der zweijährigen Samua und ihrer Mutter Tina zu Besuch. Beide sind HIV-positiv. „Sie hat die Diagnose vor gut einem Jahr bekommen“, erklärt Linet und Tina nickt zustimmend. Die 28-Jährige sitzt in ihrem Zimmer auf dem Boden und hält ihre Tochter im Arm, die Linet immer noch skeptisch anschaut. Die Diagnose HIV-positiv wäre vor einigen Jahren noch ein Todesurteil für Mutter und Kind gewesen. Heute stehen die Überlebenschancen etwas besser. Denn Kenia bietet seit 2006 die antiretrovirale Behandlung für HIV-Patienten kostenlos an.

Auch Tina nimmt Medikamente. Sie steht auf und holt aus einer Ecke ein blaues Tuch, breitet es auf dem Boden aus. Jede Menge Tabletten, Pillen und Fläschchen mit Saft befinden sich darin. Doch der Eindruck täuscht. „Während bei uns in Deutschland zur dauerhaften Behandlung der Erkrankung bereits mehr als 20 antiretrovirale Substanzen zur Verfügung stehen, werden in Kenia lediglich eine geringe Zahl an Medikamenten verwendet“, erklärt mir meine Freundin und Ärztin Vera Fleig. Dies bedeute, dass weniger auf Nebenwirkungen wie beispielsweise Übelkeit, Durchfall oder Resistenzen reagiert werden kann. Während die Regierung die Behandlung übernimmt, werden die Medikamente von Sponsoren zur Verfügung gestellt. Aber oft sind es zu wenig Sponsoren und häufig mangelt es dann an der erforderlichen, regelmäßigen medizinischen Versorgung.

„Aber dabei gibt es noch ein weiteres Problem“, bemerkt Linet und berichtet, dass die Kosten für die Behandlung von HIV-assoziierten Erkrankungen wie zum Beispiel die häufig auftretenden Lungenentzündungen oder Pilzinfektionen von den Patienten selbst getragen werden müssen. Für Menschen wie Tina sind diese Medikamente jedoch unbezahlbar. Lediglich Kinder bis zum fünften Lebensjahr erhalten die Kosten erstattet. Tina hustet. Sie hat Tuberkulose. Die bei uns früher als Schwindsucht bekannte Krankheit tritt sehr häufig in Kombination mit HIV auf.

„Wir testen täglich um die 60 Menschen, im Schnitt sind 5 bis 6 von ihnen HIV-positiv“, berichtet Linet. Die Hilfsorganisation schlägt ihr Zelt jeweils für eine Woche vor Krankenhäusern, am Strand oder an Schulen auf. Linet und ihr Team führen HIV-Schnelltests durch. Mit einem kleinen Pieks am Finger entnimmt sie Blut. Nach 15 Minuten ist ein Ergebnis da. Linet ist sich der Unsicherheit dieses Schnelltetsts bewusst. Denn der bietet zwar eine große Sensitivität, ist jedoch nur gering spezifisch. Das bedeutet, dass zum Bespiel im Falle einer Hepatitis B-Infektion der Test ebenfalls positiv ausfallen kann. Fällt ein Schnelltest positiv aus, wird der Patient für weitere Untersuchungen und Bestätigungstetsts ins Krankenhaus überwiesen.

In Deutschland werden aufgrund solcher Unsicherheiten keine Schnelltests angewandt, sondern ein viel genaueres und sicheres Verfahren. Dies wäre jedoch in Kenia viel zu teuer. „Nur bei Kindern wird zur Diagnosestellung und zur Therapieüberwachung ein Virusdirektnachweis gemacht und von der Regierung bezahlt“, sagt die auf dem Bett sitzende Linet und rückt etwas zur Seite. Denn mittlerweile sind Tinas Schwestern, Nichten und viele andere Kinder in dem Raum versammelt. Alle wissen, dass Tina und ihr Kind HIV-positiv sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit. „Die Krankheit wird in weiten Teilen der Bevölkerung totgeschwiegen. Wir kämpfen gegen ein großes Stigma an“, betont Linet und erzählt, dass viele Betroffene auch heute noch ausgegrenzt werden. Deshalb freut sich Linet über den kleinen Erfolg in dieser Familie. Sie streicht der kleinen Samua vorsichtig über den Kopf. Das Mädchen ist schon nicht mehr ganz so verängstigt. Sie hat Vertrauen gefasst zu der großen Frau mit dem breiten Lächeln.

Kokosnüsse stillen den Hunger

Die kleine Rehema nuckelt am Daumen. Ihre Familie hat im Schatten ihrer Hütte Platz genommen.

Als seine beiden Brüder starben, lastete eine groβe Verantwortung auf Safari. Der junge Mann musste von diesem Moment an auch die Familie seiner Brüder versorgen. So ist es Tradition bei den Giriama, einem der neun Mijikenda-Stämme an der Küste Kenias.

‘’Er ernährt mehr als 20 Menschen”, erklärt sein Freund Charo Kadenge und schaut in das schwarze Loch eines Brunnens. Am Boden des gut 15 Meter tiefen Erdlochs ist schemenhaft das Familienoberhaupt auszumachen: Safari hat keine Schulbildung. Er schlägt sich als Brunnenreiniger durchs Leben. Seine Mutter gab ihm den Namen Safari, weil sie ihn unterwegs zur Welt brachte. Safari bedeutet Reise auf Suaheli.

Familienoberhaupt Safari holt Wasser aus einem gut 15 Meter tiefen Brunnen.

An einem langen Seil zieht Safari den Wasserbehälter nach oben.

An einem gefährlich knarrenden, selbstgeflochtenen Seil zieht sich Safari nach oben. Seine Kinder kommen auf uns zugerannt und umringen uns, rufen fröhlich “Jambo” (Hallo). Safari sagt, er habe acht Kinder, dabei stammen die meisten von seinen Brüdern. Ein kleiner Junge ergreift meine Hand und führt uns an Palmen und auf der roten Erde liegenden Unrat vorbei zu der Hütte der Familie. Davor sitzen weitere Familienmitglieder. Die Oma hält ein Baby im Arm. Zwei Mädchen flechten sich die Haare.

Die Familie gehört zu den Verlierern der Globalisierung. Der Lebensstandard in dieser Gegend in der Region Kashani  ist extrem niedrig. Es gibt keinen Strom, keine Wasserleitungen, keine Kanalisation. Die Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Die simplen Lehmhütten bieten gerade mal ein Dach aus Palmblättern über dem Kopf. Gekocht wird an einer Feuerstelle. Grundnahrungsmittel für die meisten Kenianer ist Ugali, ein Brei aus Maismehl. Sehr nahrhaft. Doch auch Ugali ist teuer. Ein Kilogramm Mehl kostet rund 50 Schilling, umgerechnet gut 50 Cent. Dafür muss Safari einige Brunnen putzen.

Zusammenhalt: Großfamilien bieten in Kenia oft das soziale Netz für die Kinder verstorbener Familienmitglieder.

„An manchen Tagen haben wir etwas zu essen, an anderen eben nicht”, sagt Safari und streicht seiner jüngsten Tochter Rehema über den Kopf. Dann murmelt der Familienvater etwas von einer Überraschung und verschwindet hinter seiner Lehmhütte. Ich mache Faxen mit Rehema und den vielen anderen Kindern, die noch nie eine so groβ und dicke, weiβe Frau gesehen haben. Sie alle sind barfuβ. Tragen zerrissene, schmutzige Kleidung. Einige Kinder haben aufgeblähte Bäuche.

Von Kenias wirtschaftlichem Aufschwung der letzten Jahre profitiert maximal ein Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der Kenianer, die in absoluter Armut leben müssen, ist in den vergangenen fünf Jahren aufgrund derschlimmen Dürre in den Jahren 2004 bis 2006 und der darauf folgenden Überflutungen noch gestiegen, erklärt die Welthungerhilfe. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind explodiert: So haben sich zum Beispiel die Brotpreise in den vergangenen Jahren verdoppelt. Die Einkünfte der Armen sind jedoch nicht einmal gleichgeblieben, sondern eher zurückgegangen. Hilfsorganisationen schätzen, dass rund 46 Prozent der kenianischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt.

Mit wenigen Macheten-Schlägen bereitet Safari eine Kokosnuss zu.

Safari kehrt mit einer Kokosnuss in der Hand zurück. Er ist hinter seiner Lehmhütte auf eine Palme geklettert und hat sie frisch gepflückt. Mit einer Machete haut er ein Loch in die Frucht. Auch wenn seine Familie arm ist, gibt er gern – als Zeichen seiner Gastfreundschaft. Er bietet uns die Frucht an, aus der wir erst trinken und dann das weiβe Fleisch löffeln. Auch wir haben Geschenke mitgebracht: Nahrungsmittel und für die Kinder viele Stifte, worüber sie sich unheimlich freuen. ”Stifte sind sehr wichtig für uns, damit wir in der Schule mitschreiben können”, sagt eins der Kinder mit einem strahlenden Lächeln. Zum Dank malt uns das Mädchen ein Bild und schreibt stolz die englischen Begriffe hinzu. „Es ist sehr gut, dass wir hier so viele Kokosnüsse haben“, erklärt Safari. Die Kokosnüsse stillen nicht nur den schlimmsten Hunger, die Frucht wird auf verschiedene Weise weiterverarbeitet. Der Saft wird getrunken. Die Frucht gegessen oder Öl zum Braten daraus gemacht. Das Holz der Nüsse wird als Feuerholz verwendet. Aus den Palmblättern wird das Dach der Lehmhütte. ”Und wir machen Likör aus dem Kokosnusssaft“, sagt Safari und lacht. „Aber das ist nichts für die Kinder.“

Familienoberhaupt Safari (links) muss mehr als 20 Menschen versorgen.

Für Bildung fehlen 60 Cent

Es ist mucksmäuschenstill. In dem dunklen Raum sitzen rund 70 Kinder. Sie schauen uns mit großen Augen an.

Wir sind zu Besuch in der Kashani Primary School – der Schule, die rund einen Kilometer vom Aidswaisenhaus „Shining Orphans“ entfernt ist. Kein Kind spricht in dem heillos überfüllten Klassenraum. Sie schauen nur. Weiße bekommen die Kinder von Kashani eben nur sehr selten zu Gesicht.

Im Jahr 2003 schaffte die kenianische Regierung das Schulgeld ab. Damit wurde zum ersten Mal auch Kindern aus ärmeren Familien Bildung ermöglicht. Mit einem Schlag gingen 1,7 Millionen Kinder mehr zur Schule. Investitionen im Bildungssektor blieben allerdings aus. Welche Folgen dies hat, ist an der Kashani Primary School zu beobachten. Rund 530 Kinder besuchen die öffentliche Schule auf dem Hügel. „Es mangelt an allem“, erklärt uns Alfons Luganje, der Schulleiter. Lediglich sechs Räume hat er für seine Schüler zur Verfügung, sodass in einem Klassenraum oft mehr als 80 Kinder unterrichtet werden. Das ist nur in Schichten möglich, denn es gibt nur sieben Lehrkräfte. Davon bezahlt der Staat fünf Lehrer, zwei weitere werden von Hilfsorganisationen finanziert. Die Kashani Primary School liegt damit etwa im kenianischen Schnitt. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis beträgt im ostafrikanischen Staat ungefähr 1 zu 100.

„Wir bemühen uns, guten Unterricht zu machen“, sagt der Schulleiter zu mir und wendet sich dann an die Schüler, die uns immer noch schweigend anschauen. Sie sitzen an simpel zusammengezimmerten Bänkchen. Im dem dunklen Raum gibt es nur eine Tafel. Durch die Ritzen in der Wand schauen neugierig Eltern herein. Sie kommen jeden Tag zur Schule. Aus gesammelten Ästen und Stöcken errichten sie einen Anbau, damit ihre Kinder mehr Platz zum Lernen haben.

Der Schulleiter erklärt den Kindern, dass sie keine Angst haben müssen, wenn ich gleich ein paar Fotos mache. Noch immer gibt es in Kenia Menschen, die glauben, dass ihre Seele gestohlen wird – blicken sie in eine Kamera. „Diese Frau kommt aus Deutschland und arbeitet für eine Zeitung“, erklärt er. Die Kinder werden in Englisch unterrichtet, also stelle ich mich kurz vor – und erkläre, dass ich keine bösen Absichten habe. Ich frage: „Is that ok?“ Alle antworten im Chor: „Yes, Ma’am!“. Sie klatschen. Ausnahmslos.

 Die Kinder sind barfuß. Viele von ihnen marschieren täglich länger als eine Stunde durch die gleißende Sonne zur Schule. Es gibt keine Busse. Auch der Schulleiter nimmt einen gut einstündigen Fußmarsch in Kauf. Chancen auf ein besseres Leben haben fast nur die Kinder, die in eine der zahlreichen Privatschulen gehen. Bildung kostet in Kenia. Auch die eigentlich kostenlosen Primary Schools (achtjährig, unserer Grund- und Hauptschule entsprechend) sind nicht umsonst. Die Eltern müssen Schuluniformen und Unterrichtsmaterialien zahlen. Dies kostet etwa 60 kenianische Schilling im Monat – umgerechnet etwa 60 Cent. Was uns sehr wenig erscheint, ist für die meisten Familien in Kashani nur schwer aufzubringen.

Das Waisenhaus auf dem Hügel

Der erste Schock ist überwunden. Wir fahren im Taxi eine mit Schlaglöchern gesäumte roterdige Straße entlang. Charo Kadenge hat uns abgeholt. Der 38-Jährige ist der hiesige Koordinator für das Waisenhaus-Projekt von Mareike und Claus Müller in Kenia. Er bringt uns zum Kinderheim. Wir kommen vorbei an kleinen Dörfern, in denen Lehmhütten unter Kokusnusspalmen stehen. Vor einer dieser Lehmhütten sitzen lachende Kinder und spielen mit einer kleinen weißen Ziege.

Kenia ist ein schönes Land. Palmengesäumte Traumstrände mit weißem Sand und türkisblauem Meer bilden die Küste rund um Mombasa. Im Landesinnern schmiegen sich grüne Hügel an einen strahlend blauen Himmel mit weißen Quellwölkchen. Das Land erstreckt sich in einer schier unendlichen Weite. Wir fahren weiter die huppelige Straße entlang durch Kashani. Vorbei an Frauen in bunten Gewändern, die auf ihren Köpfen riesige Krüge oder Bündel mit dutzenden Ästen balancieren. Vorbei an jungen Männern, die im Schatten der Affenbrotbäume ihre Herde Rinder hüten.

„Schaut dort oben, da ist das Heim“, sagt Charo auf Englisch und zeigt mit dem Finger gen Horizont. Mitten auf einem kleinen Hügel steht das „Shining Orphans Childrens Home“, das mithilfe von Spenden der OP-Leser errichtet wurde. Das weiße Dach und die graue Fassade heben sich beinahe unwirklich ab von den erdfarbenen Tönen der Umgebung. Das rund 5.000 Quadratmeter große Gelände ist mit Stacheldraht eingezäunt. Ein Askari (Suaheli für Wächter) bewacht Haus und Gelände, auch jetzt, wo noch keine Kinder drinnen wohnen. Er öffnet uns das blaue Tor, auf dem in weißen Lettern „Shining Orphans Childrens Home“ steht. Auf uns wartet bereits Peter Aluma Ondoga, der Bauleiter des Heimes. Zusammen mit Charo zeigt er uns den Neubau. Das Haus ist modern. Es ist im gesamten Tal das einzige Haus aus Stein. Die wenigen umliegenden Häuser sind einfache Lehmhütten – meist in erbärmlichem Zustand.

Ein breiter Flur empfängt die Besucher des Kinderheims. Das hohe Dach schirmt die sengende Hitze ab, es ist angenehm kühl im Innern. „Wir haben für den unteren Teil der Wand extra Ölfarbe verwendet, da kann man etwaige Krickeleien der Kinder ganz leicht abwaschen“, erklärt Peter und streicht lächelnd mit der Hand über die türkisfarbene Wand. Es gibt vier Toiletten, im kenianischen Stil als Plumpsklos gebaut. Die Küche ist zweckmäßig, ein Essraum grenzt an. In den Schlafräumen sollen rund 24 Kinder unterkommen. Eine Hausmutter soll sich um die Aidswaisen kümmern. Auch sie hat ein Zimmer, zudem gibt es noch einen Büroraum. Möbel gibt es noch keine. Sie müssen erst vom gemeinnützigen Verein „Shining Orphans“ gekauft werden. „Hier geht alles Schritt für Schritt. Wir sind eben immer auf das gute Herz von Spendern angewiesen“, sagt Peter.

Besonders stolz sind Charo und Peter auf einen 10.000 Liter fassenden Tank, der das Heim mit fließend Wasser versorgen wird. Im Umkehrschluss wird ein ein Tankwagen in regelmäßigen Abständen die Sickergrube leeren, weil es keine Kanalisation gibt. Vor dem Haus gibt es einen Garten, der zur Selbstversorgung des Heims beitragen soll. Dort wird zum Beispiel Mais angebaut, oder aber auch kartoffelähnliche Gewächse. Die Papaya-Bäume tragen bereits Früchte.

Ein kleines Mädchen läuft auf der angrenzenden Straße vorbei, lacht, winkt und ruft „Jambo“. Charo winkt lachend zurück. „Die Menschen in der Gegend hier sind sehr arm“, erklärt er. „Alle freuen sich, das hier ein Waisenhaus hingebaut wird.“

Jambo Kulturschock, die Ankunft

Die Hitze trifft mich wie ein Schlag. Die drückende Schwüle legt sich wie ein heißer Nebel auf meine Haut. Jambo, willkommen in Kenia.

Nach zehn Stunden Flug – mit Zwischenlandung am Kilimanjaro – betrete ich erstmalig afrikanischen Boden. Ein unwirkliches Gefühl, schließlich tobte ein Schneesturm, als wir in Frankfurt ins Flugzeug stiegen. Ich zumindest trage immer noch meinen Winterschal um den Hals. Große Ventilatoren hängen unter der Decke im Flughafengebäude von Mombasa und vermischen nur die dicke Luft aus Ölgeruch und den penetranten Ausdünstungen hunderter Menschen.

Kulturschock. Die Fahrt vom Flughafen zu unserer Unterkunft ist eine Reizüberflutung schockierender Eindrücke. Überall liegt Müll. Knöchelhoch. Die Fläche neben einem verfallenen Haus – fast so groß wie ein halbes Fußballfeld – ist mit Plastikabfällen bedeckt. Mittendrin spielen Kinder. Unser Minibus eiert eine kaum asphaltierte Straße entlang und überhollt Männer, die aus Ästen zusammengezimmert Karren mit dutzenden Wasserkanistern darauf hinter sich herziehen.

Eine beißende Rauchwolke steigt uns plötzlich in die Nase. Eine Frau mit buntem Kopftuch und wild gemustertem Rock stochert mit einem Stock in einem Feuer herum. Wie sie verbrennt an jeder Ecke jemand kleine Müllberge. Menschen in zerrissener Kleidung sitzen am Straßenrand herum, gehen auf unseren Minibus zu, sobald dieser anhält. „Mach lieber das Fenster hoch“, rät mir meine Freundin Vera, die mich auf dieser Reise begleitet. Während ihres Medizinstudiums hat sie monatelang in afrikanischen Ländern gearbeitet. Sie kann nur darüber lächeln, dass ich so schockiert bin. Ich folge ihrem Rat und kurbel das Fenster hoch, als ein Mann mit blutunterlaufenen Augen und geweiteten Pupillen auf mich zugeht. „Der ist high“, diagnostiziert meine Begleiterin und erzählt, dass man in solch armen Ländern wie Kenia am besten nicht allein mit dem Auto unterwegs ist – zumindest in bestimmten Gegenden.

Während ich einen richtigen Kloß im Hals habe, sieht Vera stattdessen die positiven Dinge. „Schau mal, die Leute haben ja sogar Arbeit“, sagt sie und zeigt auf einen der kleinen Läden am Straßenrand. Dort verkauft eine Frau strahlend bunte Blumen. Lila, gelb, blau – ein farbenfroher, wunderschöner  Lichtblick in all dem Elend. Kenia lebt von diesen Blumen. In den vergangenen Jahren ist der Blumenexport Kenias in die Höhe geschnellt. Kenias Marktanteil am europäischen Blumenmarkt soll laut einiger Quellen rund ein Viertel betragen.

Auf der Straße durch Mombasa reiht sich ein „Shop“ an den nächsten. In diesen Minihütten verkaufen die Menschen alles. In einem werden Mangos angeboten, im nächsten werden Reifen geflickt, gut daran zu erkennen, dass direkt vor der Tür ein defekter Lastwagen aufgebockt steht. Nebendran ist ein Pappschild angebracht, auf dem „Electrician“ Elektriker steht. Der Handwerker sitzt vor der Tür im Staub.

Kenia ist ein armes Land. Die Arbeitslosenquote lag 2008 bei etwa 40 Prozent, die Inflationsrate bei etwa 26 Prozent. Kenias Bruttosozialprodukt ist in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gewachsen – im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten. Allerdings ist auch die Bevölkerungszahl explodiert, sodass sich die Lebensverhältnisse der Kenianer nicht wirklich verbessert haben.

In Mombasa, hinter der Hauptstadt Nairobi die zweitgrößte Stadt, leben fast 800.000 Menschen. Ich habe den Eindruck, dass alle auf einmal auf die Straße gelaufen sind. Überall sind Menschen. Sie schauen mich an. Schauen mir direkt in meine Augen – und ich schäme mich in diesem Bus zu sitzen, mit einer Digitalkamera in der Hand. Schäme mich, weiß zu sein.