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Für Bildung fehlen 60 Cent

Es ist mucksmäuschenstill. In dem dunklen Raum sitzen rund 70 Kinder. Sie schauen uns mit großen Augen an.

Wir sind zu Besuch in der Kashani Primary School – der Schule, die rund einen Kilometer vom Aidswaisenhaus „Shining Orphans“ entfernt ist. Kein Kind spricht in dem heillos überfüllten Klassenraum. Sie schauen nur. Weiße bekommen die Kinder von Kashani eben nur sehr selten zu Gesicht.

Im Jahr 2003 schaffte die kenianische Regierung das Schulgeld ab. Damit wurde zum ersten Mal auch Kindern aus ärmeren Familien Bildung ermöglicht. Mit einem Schlag gingen 1,7 Millionen Kinder mehr zur Schule. Investitionen im Bildungssektor blieben allerdings aus. Welche Folgen dies hat, ist an der Kashani Primary School zu beobachten. Rund 530 Kinder besuchen die öffentliche Schule auf dem Hügel. „Es mangelt an allem“, erklärt uns Alfons Luganje, der Schulleiter. Lediglich sechs Räume hat er für seine Schüler zur Verfügung, sodass in einem Klassenraum oft mehr als 80 Kinder unterrichtet werden. Das ist nur in Schichten möglich, denn es gibt nur sieben Lehrkräfte. Davon bezahlt der Staat fünf Lehrer, zwei weitere werden von Hilfsorganisationen finanziert. Die Kashani Primary School liegt damit etwa im kenianischen Schnitt. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis beträgt im ostafrikanischen Staat ungefähr 1 zu 100.

„Wir bemühen uns, guten Unterricht zu machen“, sagt der Schulleiter zu mir und wendet sich dann an die Schüler, die uns immer noch schweigend anschauen. Sie sitzen an simpel zusammengezimmerten Bänkchen. Im dem dunklen Raum gibt es nur eine Tafel. Durch die Ritzen in der Wand schauen neugierig Eltern herein. Sie kommen jeden Tag zur Schule. Aus gesammelten Ästen und Stöcken errichten sie einen Anbau, damit ihre Kinder mehr Platz zum Lernen haben.

Der Schulleiter erklärt den Kindern, dass sie keine Angst haben müssen, wenn ich gleich ein paar Fotos mache. Noch immer gibt es in Kenia Menschen, die glauben, dass ihre Seele gestohlen wird – blicken sie in eine Kamera. „Diese Frau kommt aus Deutschland und arbeitet für eine Zeitung“, erklärt er. Die Kinder werden in Englisch unterrichtet, also stelle ich mich kurz vor – und erkläre, dass ich keine bösen Absichten habe. Ich frage: „Is that ok?“ Alle antworten im Chor: „Yes, Ma’am!“. Sie klatschen. Ausnahmslos.

 Die Kinder sind barfuß. Viele von ihnen marschieren täglich länger als eine Stunde durch die gleißende Sonne zur Schule. Es gibt keine Busse. Auch der Schulleiter nimmt einen gut einstündigen Fußmarsch in Kauf. Chancen auf ein besseres Leben haben fast nur die Kinder, die in eine der zahlreichen Privatschulen gehen. Bildung kostet in Kenia. Auch die eigentlich kostenlosen Primary Schools (achtjährig, unserer Grund- und Hauptschule entsprechend) sind nicht umsonst. Die Eltern müssen Schuluniformen und Unterrichtsmaterialien zahlen. Dies kostet etwa 60 kenianische Schilling im Monat – umgerechnet etwa 60 Cent. Was uns sehr wenig erscheint, ist für die meisten Familien in Kashani nur schwer aufzubringen.

Das Waisenhaus auf dem Hügel

Der erste Schock ist überwunden. Wir fahren im Taxi eine mit Schlaglöchern gesäumte roterdige Straße entlang. Charo Kadenge hat uns abgeholt. Der 38-Jährige ist der hiesige Koordinator für das Waisenhaus-Projekt von Mareike und Claus Müller in Kenia. Er bringt uns zum Kinderheim. Wir kommen vorbei an kleinen Dörfern, in denen Lehmhütten unter Kokusnusspalmen stehen. Vor einer dieser Lehmhütten sitzen lachende Kinder und spielen mit einer kleinen weißen Ziege.

Kenia ist ein schönes Land. Palmengesäumte Traumstrände mit weißem Sand und türkisblauem Meer bilden die Küste rund um Mombasa. Im Landesinnern schmiegen sich grüne Hügel an einen strahlend blauen Himmel mit weißen Quellwölkchen. Das Land erstreckt sich in einer schier unendlichen Weite. Wir fahren weiter die huppelige Straße entlang durch Kashani. Vorbei an Frauen in bunten Gewändern, die auf ihren Köpfen riesige Krüge oder Bündel mit dutzenden Ästen balancieren. Vorbei an jungen Männern, die im Schatten der Affenbrotbäume ihre Herde Rinder hüten.

„Schaut dort oben, da ist das Heim“, sagt Charo auf Englisch und zeigt mit dem Finger gen Horizont. Mitten auf einem kleinen Hügel steht das „Shining Orphans Childrens Home“, das mithilfe von Spenden der OP-Leser errichtet wurde. Das weiße Dach und die graue Fassade heben sich beinahe unwirklich ab von den erdfarbenen Tönen der Umgebung. Das rund 5.000 Quadratmeter große Gelände ist mit Stacheldraht eingezäunt. Ein Askari (Suaheli für Wächter) bewacht Haus und Gelände, auch jetzt, wo noch keine Kinder drinnen wohnen. Er öffnet uns das blaue Tor, auf dem in weißen Lettern „Shining Orphans Childrens Home“ steht. Auf uns wartet bereits Peter Aluma Ondoga, der Bauleiter des Heimes. Zusammen mit Charo zeigt er uns den Neubau. Das Haus ist modern. Es ist im gesamten Tal das einzige Haus aus Stein. Die wenigen umliegenden Häuser sind einfache Lehmhütten – meist in erbärmlichem Zustand.

Ein breiter Flur empfängt die Besucher des Kinderheims. Das hohe Dach schirmt die sengende Hitze ab, es ist angenehm kühl im Innern. „Wir haben für den unteren Teil der Wand extra Ölfarbe verwendet, da kann man etwaige Krickeleien der Kinder ganz leicht abwaschen“, erklärt Peter und streicht lächelnd mit der Hand über die türkisfarbene Wand. Es gibt vier Toiletten, im kenianischen Stil als Plumpsklos gebaut. Die Küche ist zweckmäßig, ein Essraum grenzt an. In den Schlafräumen sollen rund 24 Kinder unterkommen. Eine Hausmutter soll sich um die Aidswaisen kümmern. Auch sie hat ein Zimmer, zudem gibt es noch einen Büroraum. Möbel gibt es noch keine. Sie müssen erst vom gemeinnützigen Verein „Shining Orphans“ gekauft werden. „Hier geht alles Schritt für Schritt. Wir sind eben immer auf das gute Herz von Spendern angewiesen“, sagt Peter.

Besonders stolz sind Charo und Peter auf einen 10.000 Liter fassenden Tank, der das Heim mit fließend Wasser versorgen wird. Im Umkehrschluss wird ein ein Tankwagen in regelmäßigen Abständen die Sickergrube leeren, weil es keine Kanalisation gibt. Vor dem Haus gibt es einen Garten, der zur Selbstversorgung des Heims beitragen soll. Dort wird zum Beispiel Mais angebaut, oder aber auch kartoffelähnliche Gewächse. Die Papaya-Bäume tragen bereits Früchte.

Ein kleines Mädchen läuft auf der angrenzenden Straße vorbei, lacht, winkt und ruft „Jambo“. Charo winkt lachend zurück. „Die Menschen in der Gegend hier sind sehr arm“, erklärt er. „Alle freuen sich, das hier ein Waisenhaus hingebaut wird.“

Der Countdown läuft

Morgen geht’s los. Ich werde zum ersten Mal in ein Entwicklungsland reisen. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Afrika kenne ich nur aus dem Fernsehen – und das zeigt meist die schlimmen Seiten: Armut und Leid.

Und genau das werde wohl auch ich erleben. Denn mein Ziel ist Kashani. Dort baut ein Ehepaar aus Kirchhain ein Waisenhaus für Kinder, deren Eltern an Aids gestorben sind.

Warum fahre ich da hin?  Ich habe Claus und Mareike Müller vor zwei Jahren kennengelernt, als ich über ihre Hilfsaktion berichtete.  Ich war sofort von ihrem selbstlosen Einsatz beeindruckt. Denn es sind Menschen wie du und ich. Sie sind nicht besonders wohlhabend, haben sich jedoch nicht einfach abgewandt. Die beiden waren als Touristen in der Nähe von Mombasa unterwegs und stießen zufällig auf ein Waisenhaus. Sie waren zutiefst schockiert von menschenunwürdigen Bedingungen, die dort herrschten. Die Kinder hatten Hunger und Durst, schliefen auf dem nackten Fußboden. Aber Müllers haben nicht weggeschaut. Sie haben sofort gehandelt: Nahrungsmittel und medizinische Versorgung organisiert und Matratzen gekauft. Sie wandten sich an die Presse.
Durch die Artikel wurden OP-Leser aufmerksam und spendeten.  Sukzessive erweiterten Müllers ihre Hilfe. Tag für Tag. Schritt für Schritt.

Jetzt ist das Waisenhaus fast fertig. Viele Kinder warten sehnlichst darauf, endlich einziehen zu können. Denn die kenianische Regierung muss immer wieder Waisenhäuser schließen, die mit den Kindern nur Geld machen. Sie ausnutzen – manchmal auf eine für den gesunden Menschenverstand unfassbare Weise.

Ich jedenfalls bin gespannt, wie es dort ist. Laut Unicef haben in Afrika rund 15 Millionen Kinder ihre Eltern durch Aids verloren. Allein in Kenia sind es mehr als eine Million. Das sind nackte Zahlen, die tagtäglich so an uns vorbeirauschen. Welches Leid sich hinter diesen Zahlen verbirgt, können wir verwöhnten Europäer wohl kaum nachvollziehen…

Viele internationale Hilfsprojekte nahmen im heimischen Landkreis ihren
Anfang – so auch das Projekt Shining Orphans, das Ehepaar Müller aus
Kirchhain im Jahr 2007 ins Leben rief. Durch die Spenden der OP-Leser
wurde der Einsatz für Aidswaisen in Kenia erst möglich. Die OP bietet
ihren Lesern im Februar und März eine Reihe von exklusiven
Korrespondentenberichten aus Kashani, wo sich OP-Redakteurin Nadine Weigel
einen Eindruck von der Verwendung des Spendengeldes und vom Fortgang des
Projekts verschafft.