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Kampf um ein bisschen Leben

Er kämpft um sein kleines Leben. Wir rasen durch die dreckigen Straßen von Mombasa. Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Er hat hohes Fieber. Seine winzige Hand klammert sich um den Finger meiner Freundin Vera, die ihn im Arm hält. Hezekiel ist erst drei Monate alt. Er ist Waise. Er hat Aids. Wir wissen nicht, ob er die Fahrt zum Krankenhaus überlebt.

Meine Freundin Vera hält den aidskranken Hezekiel im Arm, als wir mit einem Taxi ins Krankenhaus rasen.

Eine Stunde zuvor: Josephine Mutisya nimmt vorsichtig das kleine Bündel Mensch auf den Arm und gibt ihm ein Fläschchen Milch. Josephine leitet das „Mighty Redeemer Orphanage“, ein kleines Waisenhaus in Kiembeni, einem Vorort von Mombasa. „Ich bin die Mutter und Gott ist der Vater”, sagt die Pastorin und lächelt. In dem kleinen, dunklen Raum stehen lediglich ein Tisch, sechs Stühle und ein kleines Schränkchen. Die Kinder krabbeln unter dem Tisch hindurch, wenn sie von der Feuerstelle zum Kochen hinter dem Haus in ihr Zimmer wollen. Es gibt kein fließendes Wasser. Josephine kümmert sich mit einem Kindermädchen um elf Kinder. Vier von ihnen sind HIV-positiv.

Josephine Mutisya kümmert sich um Waisen. Vier von ihnen sind HIV-positiv."

Laut Unicef sind in Kenia mehr als 1 Million Kinder mit dem HI-Virus infiziert. Die Säuglingssterblichkeit lag im Jahr 2008 bei 77 je 1.000 Geburten, die Müttersterblichkeit bei 560 je 100.000 Geburten. Experten zufolge gibt es keine Familie, in der nicht Familienmitglieder mit HIV infiziert oder an AIDS gestorben sind. Immer mehr Kinder werden so zu Aids-Waisen. Für die Kinder von Eltern, die an AIDS gestorben sind, beginnt ein Teufelskreis. Das einzige soziale Netz sind die Großfamilien. Finden sie keine Verwandten, die bereit sind, sie aufzunehmen, beginnt das Leben auf der Straße oder in einem Heim. Das ist – aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in den Heimen – mitunter auch nicht viel besser als auf der Straße.

Auf der Straße fand die Polizei auch einen Jungen, der seit einer Woche bei Josephine lebt. Die 40-Jährige hat ihm noch keinen Namen gegeben. Und so nennen ihn die anderen Kinder „Mtoto mgeni”- das fremde Kind. Der Junge hat seit seiner Ankunft kein Wort gesprochen. Dafür schreit er. Er entdeckt uns, zuckt zusammen, schreit und weint in wilder Panik. “Wir haben keine Ahnung, was er alles erlebt hat, aber es müssen schreckliche Dinge gewesen sein”, sagt Josephine und versucht, den ungefähr zwei Jahre alten Jungen zu beruhigen. Es gelingt ihr nur schwer. Auch unsere Taxifahrerin Mashy redet auf den Jungen ein. Versehentlich verfällt sie dabei in ihre Stammessprache – und plötzlich wird der kleine Junge ganz ruhig. Er hört auf zu weinen, lässt sich von Mashy sogar auf den Schoss nehmen. Josephine ist völlig baff: “Deswegen weint er ständig, er hat uns einfach nicht verstanden.” Josephine gehört dem Stamm der Kamba an, Mashy ist Taita. Die allgemein gesprochene Amtssprache Suaheli erlernen Kinder erst ab dem fünften Lebensjahr in der Schule. Niemand wusste, dass der Junge Taita ist.

Unsere Taxifahrerin konnte den verängstigten Waisenjungen beruhigen. Durch Zufall spricht sie die gleiche Stammessprache.

Laut Statistiken stirbt in Kenia jedes achte Kind vor seinem fünften Lebensjahr. Jeder dritte Säugling wird nicht ausreichend geimpft. Infektionskrankheiten wie Masern, Polio oder Tetanus bedrohen ihr Leben. Seit 2006 ist die Behandlung von HIV in Kenia kostenlos möglich, da durch Sponsoren Medikamente zur Verfügung gestellt werden. Die Behandlung von Krankheiten, die durch die Immunschwäche resultieren (Durchfall, Lungenentzündung, Pilzinfektionen) müssen gezahlt werden. Lediglich Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr erhalten diese Behandlung in öffentlichen Krankenhäusern kostenlos. Allerdings kann dort von guter medizinischer Versorgung nicht die Rede sein. “Man wartet den ganzen Tag und kommt dann nicht dran”, erzählt Josephine und berichtet, dass es häufig keine Medikamente gab und sie in die Stadt gehen musste, um selbst welche zu kaufen.

Die beiden Babys Blessing und Hezekiel teilen sich ein Bettchen. Der kleine Junge wurde aus dem staatlichen Krankenhaus entlassen - trotz Durchfall.

Baby Hezekiel ist ein Paradebeispiel für die schlechte Versorgung. Er verbrachte die meiste Zeit seines kurzen Lebens im staatlichen Krankenhaus. “Gestern haben sie ihn entlassen”, sagt Josephine und zeigt uns den kleinen Jungen, der zusammen mit dem drei Monate alten Mädchen “Blessing” in einem Bettchen liegt. Baby Hezekiel weint. Er hat Durchfall und hohes Fieber. Die Wangen des Säuglings sind eingefallen. Seine Augen treten unnatürlich hervor. Er hat spindeldürre Ärmchen und Beinchen. Die Haut hängt schlaff herab. Er ist völlig dehydriert. Meine Freundin Vera ist Ärztin. Sie erkennt die Notsituation. “Wir müssen ins Krankenhaus, schnell.”

Mombasas Straßen sind voll. Wir kommen schlecht voran. Taxifahrerin Mashy tritt aufs Gas. Sie hat Angst, dass Hezekiel stirbt. “Das Fieber ist sehr hoch, sein Blutdruck sinkt”, sagt Vera neben mir und tastet an Hezekiels Leiste nach dem Puls. Josephine betet.

Notärzte gibt es in Kenia nicht. Deshalb fahren wir selbst in ein Privatkrankenhaus, in der Hoffnung, dass er dort gerettet wird. Das Mewa Hospital in Mombasa wird von Muslimen geführt. Vom Minarett ertönen die arabischen Klänge des Vorbeters, als wir in die Notaufnahme eilen. Wir müssen uns setzen. Wir warten. Unsere Taxifahrerin ist sauer, sie spricht einen Arzt in einem langen weißen Kaftan an. Der wirft einen kurzen Blick auf das apathische Baby und sagt, wir sollen in einen Behandlungsraum gehen. Es gibt drei Räume, sie sind nur mit Tüchern von einander abgegrenzt. Zwei englische Ärzte laufen vorbei, werden auf Hezekiel aufmerksam. Sie untersuchen ihn sofort.

Zwei englische Ärzte untersuchen Baby Hezekiel. Sie haben kaum Hoffnung.

Hezekiel rührt sich nicht, als sie ihm einen intravenösen Zugang legen.  Die Ärztin schaut auf, schüttelt mit dem Kopf: “Dieses Baby ist in einer sehr schlechten Verfassung. Es könnte sein, dass es die Nacht nicht überlebt.”

Das drei Monate alte Baby Hezekiel bekommt Sauerstoff und Invusionen. Trotzdem stehen seine Chancen schlecht.