Schlagwort-Archive: armut

Kokosnüsse stillen den Hunger

Die kleine Rehema nuckelt am Daumen. Ihre Familie hat im Schatten ihrer Hütte Platz genommen.

Als seine beiden Brüder starben, lastete eine groβe Verantwortung auf Safari. Der junge Mann musste von diesem Moment an auch die Familie seiner Brüder versorgen. So ist es Tradition bei den Giriama, einem der neun Mijikenda-Stämme an der Küste Kenias.

‘’Er ernährt mehr als 20 Menschen”, erklärt sein Freund Charo Kadenge und schaut in das schwarze Loch eines Brunnens. Am Boden des gut 15 Meter tiefen Erdlochs ist schemenhaft das Familienoberhaupt auszumachen: Safari hat keine Schulbildung. Er schlägt sich als Brunnenreiniger durchs Leben. Seine Mutter gab ihm den Namen Safari, weil sie ihn unterwegs zur Welt brachte. Safari bedeutet Reise auf Suaheli.

Familienoberhaupt Safari holt Wasser aus einem gut 15 Meter tiefen Brunnen.

An einem langen Seil zieht Safari den Wasserbehälter nach oben.

An einem gefährlich knarrenden, selbstgeflochtenen Seil zieht sich Safari nach oben. Seine Kinder kommen auf uns zugerannt und umringen uns, rufen fröhlich “Jambo” (Hallo). Safari sagt, er habe acht Kinder, dabei stammen die meisten von seinen Brüdern. Ein kleiner Junge ergreift meine Hand und führt uns an Palmen und auf der roten Erde liegenden Unrat vorbei zu der Hütte der Familie. Davor sitzen weitere Familienmitglieder. Die Oma hält ein Baby im Arm. Zwei Mädchen flechten sich die Haare.

Die Familie gehört zu den Verlierern der Globalisierung. Der Lebensstandard in dieser Gegend in der Region Kashani  ist extrem niedrig. Es gibt keinen Strom, keine Wasserleitungen, keine Kanalisation. Die Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Die simplen Lehmhütten bieten gerade mal ein Dach aus Palmblättern über dem Kopf. Gekocht wird an einer Feuerstelle. Grundnahrungsmittel für die meisten Kenianer ist Ugali, ein Brei aus Maismehl. Sehr nahrhaft. Doch auch Ugali ist teuer. Ein Kilogramm Mehl kostet rund 50 Schilling, umgerechnet gut 50 Cent. Dafür muss Safari einige Brunnen putzen.

Zusammenhalt: Großfamilien bieten in Kenia oft das soziale Netz für die Kinder verstorbener Familienmitglieder.

„An manchen Tagen haben wir etwas zu essen, an anderen eben nicht”, sagt Safari und streicht seiner jüngsten Tochter Rehema über den Kopf. Dann murmelt der Familienvater etwas von einer Überraschung und verschwindet hinter seiner Lehmhütte. Ich mache Faxen mit Rehema und den vielen anderen Kindern, die noch nie eine so groβ und dicke, weiβe Frau gesehen haben. Sie alle sind barfuβ. Tragen zerrissene, schmutzige Kleidung. Einige Kinder haben aufgeblähte Bäuche.

Von Kenias wirtschaftlichem Aufschwung der letzten Jahre profitiert maximal ein Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der Kenianer, die in absoluter Armut leben müssen, ist in den vergangenen fünf Jahren aufgrund derschlimmen Dürre in den Jahren 2004 bis 2006 und der darauf folgenden Überflutungen noch gestiegen, erklärt die Welthungerhilfe. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind explodiert: So haben sich zum Beispiel die Brotpreise in den vergangenen Jahren verdoppelt. Die Einkünfte der Armen sind jedoch nicht einmal gleichgeblieben, sondern eher zurückgegangen. Hilfsorganisationen schätzen, dass rund 46 Prozent der kenianischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt.

Mit wenigen Macheten-Schlägen bereitet Safari eine Kokosnuss zu.

Safari kehrt mit einer Kokosnuss in der Hand zurück. Er ist hinter seiner Lehmhütte auf eine Palme geklettert und hat sie frisch gepflückt. Mit einer Machete haut er ein Loch in die Frucht. Auch wenn seine Familie arm ist, gibt er gern – als Zeichen seiner Gastfreundschaft. Er bietet uns die Frucht an, aus der wir erst trinken und dann das weiβe Fleisch löffeln. Auch wir haben Geschenke mitgebracht: Nahrungsmittel und für die Kinder viele Stifte, worüber sie sich unheimlich freuen. ”Stifte sind sehr wichtig für uns, damit wir in der Schule mitschreiben können”, sagt eins der Kinder mit einem strahlenden Lächeln. Zum Dank malt uns das Mädchen ein Bild und schreibt stolz die englischen Begriffe hinzu. „Es ist sehr gut, dass wir hier so viele Kokosnüsse haben“, erklärt Safari. Die Kokosnüsse stillen nicht nur den schlimmsten Hunger, die Frucht wird auf verschiedene Weise weiterverarbeitet. Der Saft wird getrunken. Die Frucht gegessen oder Öl zum Braten daraus gemacht. Das Holz der Nüsse wird als Feuerholz verwendet. Aus den Palmblättern wird das Dach der Lehmhütte. ”Und wir machen Likör aus dem Kokosnusssaft“, sagt Safari und lacht. „Aber das ist nichts für die Kinder.“

Familienoberhaupt Safari (links) muss mehr als 20 Menschen versorgen.

Advertisements

Jambo Kulturschock, die Ankunft

Die Hitze trifft mich wie ein Schlag. Die drückende Schwüle legt sich wie ein heißer Nebel auf meine Haut. Jambo, willkommen in Kenia.

Nach zehn Stunden Flug – mit Zwischenlandung am Kilimanjaro – betrete ich erstmalig afrikanischen Boden. Ein unwirkliches Gefühl, schließlich tobte ein Schneesturm, als wir in Frankfurt ins Flugzeug stiegen. Ich zumindest trage immer noch meinen Winterschal um den Hals. Große Ventilatoren hängen unter der Decke im Flughafengebäude von Mombasa und vermischen nur die dicke Luft aus Ölgeruch und den penetranten Ausdünstungen hunderter Menschen.

Kulturschock. Die Fahrt vom Flughafen zu unserer Unterkunft ist eine Reizüberflutung schockierender Eindrücke. Überall liegt Müll. Knöchelhoch. Die Fläche neben einem verfallenen Haus – fast so groß wie ein halbes Fußballfeld – ist mit Plastikabfällen bedeckt. Mittendrin spielen Kinder. Unser Minibus eiert eine kaum asphaltierte Straße entlang und überhollt Männer, die aus Ästen zusammengezimmert Karren mit dutzenden Wasserkanistern darauf hinter sich herziehen.

Eine beißende Rauchwolke steigt uns plötzlich in die Nase. Eine Frau mit buntem Kopftuch und wild gemustertem Rock stochert mit einem Stock in einem Feuer herum. Wie sie verbrennt an jeder Ecke jemand kleine Müllberge. Menschen in zerrissener Kleidung sitzen am Straßenrand herum, gehen auf unseren Minibus zu, sobald dieser anhält. „Mach lieber das Fenster hoch“, rät mir meine Freundin Vera, die mich auf dieser Reise begleitet. Während ihres Medizinstudiums hat sie monatelang in afrikanischen Ländern gearbeitet. Sie kann nur darüber lächeln, dass ich so schockiert bin. Ich folge ihrem Rat und kurbel das Fenster hoch, als ein Mann mit blutunterlaufenen Augen und geweiteten Pupillen auf mich zugeht. „Der ist high“, diagnostiziert meine Begleiterin und erzählt, dass man in solch armen Ländern wie Kenia am besten nicht allein mit dem Auto unterwegs ist – zumindest in bestimmten Gegenden.

Während ich einen richtigen Kloß im Hals habe, sieht Vera stattdessen die positiven Dinge. „Schau mal, die Leute haben ja sogar Arbeit“, sagt sie und zeigt auf einen der kleinen Läden am Straßenrand. Dort verkauft eine Frau strahlend bunte Blumen. Lila, gelb, blau – ein farbenfroher, wunderschöner  Lichtblick in all dem Elend. Kenia lebt von diesen Blumen. In den vergangenen Jahren ist der Blumenexport Kenias in die Höhe geschnellt. Kenias Marktanteil am europäischen Blumenmarkt soll laut einiger Quellen rund ein Viertel betragen.

Auf der Straße durch Mombasa reiht sich ein „Shop“ an den nächsten. In diesen Minihütten verkaufen die Menschen alles. In einem werden Mangos angeboten, im nächsten werden Reifen geflickt, gut daran zu erkennen, dass direkt vor der Tür ein defekter Lastwagen aufgebockt steht. Nebendran ist ein Pappschild angebracht, auf dem „Electrician“ Elektriker steht. Der Handwerker sitzt vor der Tür im Staub.

Kenia ist ein armes Land. Die Arbeitslosenquote lag 2008 bei etwa 40 Prozent, die Inflationsrate bei etwa 26 Prozent. Kenias Bruttosozialprodukt ist in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gewachsen – im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten. Allerdings ist auch die Bevölkerungszahl explodiert, sodass sich die Lebensverhältnisse der Kenianer nicht wirklich verbessert haben.

In Mombasa, hinter der Hauptstadt Nairobi die zweitgrößte Stadt, leben fast 800.000 Menschen. Ich habe den Eindruck, dass alle auf einmal auf die Straße gelaufen sind. Überall sind Menschen. Sie schauen mich an. Schauen mir direkt in meine Augen – und ich schäme mich in diesem Bus zu sitzen, mit einer Digitalkamera in der Hand. Schäme mich, weiß zu sein.