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250 Euro kostet sein Leben

Baby Hezekiel lebt. Er hat die Nacht überstanden. Wir erkennen den Kleinen kaum wieder, als wir ihn am nächsten Tag im Privatkrankenhaus besuchen. Nur 250 Euro kostet uns Hezekiels Leben. Noch am Vortag war der kleine Junge mehr tot als lebendig. Er war völlig dehydriert und in einer sehr schlechten Verfassung. Der fast vier Monate alte Säugling wog nur noch drei Kilo. Die Ärzte gaben ihm kaum eine Überlebenschance. Heute lächelt das Baby.

Baby Hezekiel hat überlebt. Einen Tag nachdem er fast gestorben wäre, schaut der Säugling schon besser aus. Im Krankenhaus bekam das völlig dehydrierte Kind Invusionen.

Josephine Mutisya, die Gründerin des „Mighty Redeemer”-Waisenhauses, wacht im Krankenhaus an Hezekiels Seite. Denn in kenianischen Kliniken muss die Mutter – oder eben die Hausmutter – das Füttern, Waschen und Versorgen des kleinen Patienten selbst übernehmen. Für Ruth, die einzig andere Hausmutter im „Mighty Redeemer Orphanage”, bedeutet dies, dass sie allein auf Baby Blessing und neun kleine Kinder aufpassen muss. Sie muss Fläschchen geben, wickeln, kochen und putzen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ohne Unterbrechung. Ihre eigenen beiden Kinder hat sie bei den Grosseltern zurückgelassen, um in Kiembeni ein wenig Geld zu verdienen. 60 Euro im Monat.

Die Kinder essen täglich Ugali (Maisbrei) mit Spinat. Für eine ausgewogene Ernährung fehlt das Geld.

James liegt unter dem Tisch. Da liegt er immer. Im dunklen Zimmer. James ist ungefähr zwei Jahre alt. Er kann nicht laufen. Er kann nicht stehen. Wenn er sitzt, fällt er um, weil seine Wirbelsäule wie aus Gummi ist. Mit großen Augen beobachtet er seine Umgebung. Seine Wange ruht dabei stets auf dem kaputten Steinboden.

Der kleine James liegt stets unter dem Tisch, weil er nicht sitzen, stehen oder laufen kann. Der Mangel an Milch und Sonnenlicht hat seine Knochen krank gemacht.

James ist eines der elf Kinder im „Mighty Redeemer”-Waisenhaus. Seitdem der drei Monate alte Hezekiel im Krankenhaus liegt, sind die anderen zehn Kinder mit Hausmutter Ruth allein. Es sind menschenunwürdige Bedingungen unter denen die Waisenkinder „gehalten” werden. Von guter Versorgung oder gar Betreuung kann nicht die Rede sein. „Die Kinder sind alle krank”, stellt meine Freundin und Ärztin Vera Fleig fest. Sie ist schockiert, denn der kleine James und vier andere Kinder haben Rachitis, eine aus Mangelernährung und nicht genügend Sonnenlicht resultierende Knochenkrankheit. Deshalb kann James nur liegen und Zacharias nur sitzen. Früher trat die Krankheit vor allem in England zu Zeiten der Industrialisierung auf – bei Kindern, die unter Tage in Bergwerken arbeiten mussten. Durch das fehlende Sonnenlicht haben die Kinder einen Mangel an Vitamin D. Durch nicht genügend Milchverzehr fehlt es den Kindern an Calcium. Dadurch verformen sich die Knochen. Es kommt zu gummiartigen Beinen, deformierten Handgelenken und einer instabilen Wirbelsäule. Laut internationalen Statistiken tritt diese Krankheit derzeit immer häufiger in afrikanischen Ländern auf. Vera ist fassungslos. „Es ist unglaublich, dass hier Kinder durch Mangel an Sonnenlicht krank werden – in einem Land, indem 12 Stunden am Tag die Sonne scheint.“

Neun Kinder teilen sich das kleine Zimmer.

Josephines Kinderheim ist nicht registriert. Trotzdem bekommt die Pastorin immer mehr schwerkranke Kinder gebracht – von offizieller Seite. „Ich gebe ihr die Kinder, weil Josephine sehr engagiert und nicht an Geld interessiert ist“, erklärt uns Rose Mumbo vom Childrens Departement (Jugendamt) in Mombasa. Es gebe noch viel schlimmere Heime, betont sie. Erst kürzlich musste die Behörde dutzende Heime schließen, weil die Betreuer Spendengelder veruntreuten, um sich selbst zu bereichern – zum Leidwesen der Waisen.

Die Kinder essen täglich Ugali (Maisbrei) mit Spinat. Für eine ausgewogene Ernährung fehlt das Geld.

Für eine adäquate Versorgung von Waisenkindern braucht es viel Personal. Rose Mumbo verdeutlicht dies am Beispiel des noch im Bau befindlichen „Shining Orphans”-Waisenhauses des Kirchhainer Ehepaars Müller in Kashani. Für die dort geplanten 24 Kinder benötige man drei Hausmütter, Bewacher des Grundstücks, Köche, Putzfrauen und vor allem eine Krankenschwester. Die ist unerlässlich, insbesondere, wenn man HIV-positive Kinder betreut. „Mit HIV-Infektionen gehen häufig andere Erkrankungen einher – wie Tuberkulose, Ohrenentzündungen und Lungenentzündungen, Pilzinfektionen und Durchfall”, weiß Medizinerin Vera. Gibt es keine rechtzeitige Behandlung dieser Folgeerkrankungen, ist das Leben des Kindes in Gefahr. Wie bei Baby Hezekiel.

In Kenia erhalten Kinderheime keine Unterstützung vom Staat. Josephine Mutisya versucht ihr Bestes. Sie hatte einen gut bezahlten Job in einem Hotel. Sie gab ihn auf, als sie vom Schicksal kenianischer Waisen erfuhr. Ohne Sponsoren, ohne Erfahrung und ohne Hilfe gründete sie das „Mighty Redeemer”-Waisenhaus. Nur mit dem Glauben, dass es ihre von Gott gewollte Bestimmung sei. Dies wird ihr nun zum Verhängnis. Es gibt kein fließendes Wasser. Die Kinder trinken Brunnenwasser, das laut Jugendamt nicht sauber und schon gar nicht keimfrei ist. Die Kinder ernährt Josephine täglich mit Ugali (Maisbrei) und Spinat. Eine weitere Hausmutter kann sie sich nicht leisten. Deshalb hat iemand Zeit, mit den Kindern nach draußen in die Sonne zu gehen. Das macht die Kinder krank. Dabei leiden die meisten ohnehin an Erkrankungen – oder sind aufgrund ihrer Vergangenheit psychisch schwer traumatisiert. Die achtjährige Anna und einige der anderen Kinder lebten auf der Straße. Der kleine Zacharias wurde auf einer Müllkippe gefunden. In einigen der Heimen, die das Jugendamt schloss, wurden die Kinder an Männer verkauft, die sich an ihnen vergingen. Nicht selten waren diese Männer Europäer. „Geld verleiht Macht. Und Macht wird oft missbraucht”, sagt Josephine.

Paul und die anderen Kinder im "Mighty Redeemer"-Waisenhaus bekommen keine Unterstützung. Sponsoren gibt es keine, der Staat hilft nicht.

Wir helfen, stellen für 60 Euro im Monat eine weitere Hausmutter ein. Auch Rose Mumbo vom Jugendamt hilft spontan. Sie veranlasst, dass Hezekiel schnell in das in der Nähe gelegne „Tumaini”-Waisenhaus kommt. Dort gibt es medizinische Versorgung für das Baby. Eine Krankenschwester arbeitet in dem Heim, in dem 24 zum Teil HIV-positive Kinder leben. Im Krankenhaus wurde Hezekiels Blut untersucht. Seine Helferzellen lagen bei 700. „Ein sehr guter Wert“, freut sich die deutsche Ärztin Vera Fleig: „Das Ergebnis deutet darauf hin, dass der Kleine vielleicht Glück hat und gar nicht HIV-positiv ist.”

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Kampf um ein bisschen Leben

Er kämpft um sein kleines Leben. Wir rasen durch die dreckigen Straßen von Mombasa. Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Er hat hohes Fieber. Seine winzige Hand klammert sich um den Finger meiner Freundin Vera, die ihn im Arm hält. Hezekiel ist erst drei Monate alt. Er ist Waise. Er hat Aids. Wir wissen nicht, ob er die Fahrt zum Krankenhaus überlebt.

Meine Freundin Vera hält den aidskranken Hezekiel im Arm, als wir mit einem Taxi ins Krankenhaus rasen.

Eine Stunde zuvor: Josephine Mutisya nimmt vorsichtig das kleine Bündel Mensch auf den Arm und gibt ihm ein Fläschchen Milch. Josephine leitet das „Mighty Redeemer Orphanage“, ein kleines Waisenhaus in Kiembeni, einem Vorort von Mombasa. „Ich bin die Mutter und Gott ist der Vater”, sagt die Pastorin und lächelt. In dem kleinen, dunklen Raum stehen lediglich ein Tisch, sechs Stühle und ein kleines Schränkchen. Die Kinder krabbeln unter dem Tisch hindurch, wenn sie von der Feuerstelle zum Kochen hinter dem Haus in ihr Zimmer wollen. Es gibt kein fließendes Wasser. Josephine kümmert sich mit einem Kindermädchen um elf Kinder. Vier von ihnen sind HIV-positiv.

Josephine Mutisya kümmert sich um Waisen. Vier von ihnen sind HIV-positiv."

Laut Unicef sind in Kenia mehr als 1 Million Kinder mit dem HI-Virus infiziert. Die Säuglingssterblichkeit lag im Jahr 2008 bei 77 je 1.000 Geburten, die Müttersterblichkeit bei 560 je 100.000 Geburten. Experten zufolge gibt es keine Familie, in der nicht Familienmitglieder mit HIV infiziert oder an AIDS gestorben sind. Immer mehr Kinder werden so zu Aids-Waisen. Für die Kinder von Eltern, die an AIDS gestorben sind, beginnt ein Teufelskreis. Das einzige soziale Netz sind die Großfamilien. Finden sie keine Verwandten, die bereit sind, sie aufzunehmen, beginnt das Leben auf der Straße oder in einem Heim. Das ist – aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in den Heimen – mitunter auch nicht viel besser als auf der Straße.

Auf der Straße fand die Polizei auch einen Jungen, der seit einer Woche bei Josephine lebt. Die 40-Jährige hat ihm noch keinen Namen gegeben. Und so nennen ihn die anderen Kinder „Mtoto mgeni”- das fremde Kind. Der Junge hat seit seiner Ankunft kein Wort gesprochen. Dafür schreit er. Er entdeckt uns, zuckt zusammen, schreit und weint in wilder Panik. “Wir haben keine Ahnung, was er alles erlebt hat, aber es müssen schreckliche Dinge gewesen sein”, sagt Josephine und versucht, den ungefähr zwei Jahre alten Jungen zu beruhigen. Es gelingt ihr nur schwer. Auch unsere Taxifahrerin Mashy redet auf den Jungen ein. Versehentlich verfällt sie dabei in ihre Stammessprache – und plötzlich wird der kleine Junge ganz ruhig. Er hört auf zu weinen, lässt sich von Mashy sogar auf den Schoss nehmen. Josephine ist völlig baff: “Deswegen weint er ständig, er hat uns einfach nicht verstanden.” Josephine gehört dem Stamm der Kamba an, Mashy ist Taita. Die allgemein gesprochene Amtssprache Suaheli erlernen Kinder erst ab dem fünften Lebensjahr in der Schule. Niemand wusste, dass der Junge Taita ist.

Unsere Taxifahrerin konnte den verängstigten Waisenjungen beruhigen. Durch Zufall spricht sie die gleiche Stammessprache.

Laut Statistiken stirbt in Kenia jedes achte Kind vor seinem fünften Lebensjahr. Jeder dritte Säugling wird nicht ausreichend geimpft. Infektionskrankheiten wie Masern, Polio oder Tetanus bedrohen ihr Leben. Seit 2006 ist die Behandlung von HIV in Kenia kostenlos möglich, da durch Sponsoren Medikamente zur Verfügung gestellt werden. Die Behandlung von Krankheiten, die durch die Immunschwäche resultieren (Durchfall, Lungenentzündung, Pilzinfektionen) müssen gezahlt werden. Lediglich Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr erhalten diese Behandlung in öffentlichen Krankenhäusern kostenlos. Allerdings kann dort von guter medizinischer Versorgung nicht die Rede sein. “Man wartet den ganzen Tag und kommt dann nicht dran”, erzählt Josephine und berichtet, dass es häufig keine Medikamente gab und sie in die Stadt gehen musste, um selbst welche zu kaufen.

Die beiden Babys Blessing und Hezekiel teilen sich ein Bettchen. Der kleine Junge wurde aus dem staatlichen Krankenhaus entlassen - trotz Durchfall.

Baby Hezekiel ist ein Paradebeispiel für die schlechte Versorgung. Er verbrachte die meiste Zeit seines kurzen Lebens im staatlichen Krankenhaus. “Gestern haben sie ihn entlassen”, sagt Josephine und zeigt uns den kleinen Jungen, der zusammen mit dem drei Monate alten Mädchen “Blessing” in einem Bettchen liegt. Baby Hezekiel weint. Er hat Durchfall und hohes Fieber. Die Wangen des Säuglings sind eingefallen. Seine Augen treten unnatürlich hervor. Er hat spindeldürre Ärmchen und Beinchen. Die Haut hängt schlaff herab. Er ist völlig dehydriert. Meine Freundin Vera ist Ärztin. Sie erkennt die Notsituation. “Wir müssen ins Krankenhaus, schnell.”

Mombasas Straßen sind voll. Wir kommen schlecht voran. Taxifahrerin Mashy tritt aufs Gas. Sie hat Angst, dass Hezekiel stirbt. “Das Fieber ist sehr hoch, sein Blutdruck sinkt”, sagt Vera neben mir und tastet an Hezekiels Leiste nach dem Puls. Josephine betet.

Notärzte gibt es in Kenia nicht. Deshalb fahren wir selbst in ein Privatkrankenhaus, in der Hoffnung, dass er dort gerettet wird. Das Mewa Hospital in Mombasa wird von Muslimen geführt. Vom Minarett ertönen die arabischen Klänge des Vorbeters, als wir in die Notaufnahme eilen. Wir müssen uns setzen. Wir warten. Unsere Taxifahrerin ist sauer, sie spricht einen Arzt in einem langen weißen Kaftan an. Der wirft einen kurzen Blick auf das apathische Baby und sagt, wir sollen in einen Behandlungsraum gehen. Es gibt drei Räume, sie sind nur mit Tüchern von einander abgegrenzt. Zwei englische Ärzte laufen vorbei, werden auf Hezekiel aufmerksam. Sie untersuchen ihn sofort.

Zwei englische Ärzte untersuchen Baby Hezekiel. Sie haben kaum Hoffnung.

Hezekiel rührt sich nicht, als sie ihm einen intravenösen Zugang legen.  Die Ärztin schaut auf, schüttelt mit dem Kopf: “Dieses Baby ist in einer sehr schlechten Verfassung. Es könnte sein, dass es die Nacht nicht überlebt.”

Das drei Monate alte Baby Hezekiel bekommt Sauerstoff und Invusionen. Trotzdem stehen seine Chancen schlecht.

Jeden Tag sterben 750 Menschen an Aids

 Der kleine Pieks rettete wahrscheinlich ihr Leben. Doch jetzt hat sie Angst. Die kleine Samua versteckt sich ganz hinten in der Ecke des Zimmers. Es ist dunkel in dem Raum, in dem nur zwei Betten stehen. Die Fenster sind mit bunten Tüchern verhangen, die das gleißende Sonnenlicht abhalten. “Sie hat Angst, dass ich sie wieder mit der Nadel steche”, sagt Linet Aluma, lacht und marschiert schnurschtracks ins Zimmer hinein.

Linet Aluma hat Aids den Kampf angesagt. Die 34-Jährige arbeitet freiwillig bei ‘’Hope”. Die internationale Hilfsorganisation leistet Aufklärungsarbeit und Beratung für Betroffene. Und das sind nicht wenige. Schätzungen zufolge sterben in Kenia jeden Tag 750 Menschen an Aids. Zwischen 6 und 7 Prozent der Bevölkerung sind HIV-positiv. Der heterosexuelle Geschlechtsverkehr ist der weitaus häufigste Übertragungsweg der HIV-Infektionen. Mehr als zwei Millionen Menschen tragen in dem ostafrikanischen Statt das Virus in sich. In den vergangenen Jahren ist die Rate ungefähr stabil geblieben – auch dank der verbesserten Aufklärungsarbeit.

Wir sind mit Linet bei der zweijährigen Samua und ihrer Mutter Tina zu Besuch. Beide sind HIV-positiv. „Sie hat die Diagnose vor gut einem Jahr bekommen“, erklärt Linet und Tina nickt zustimmend. Die 28-Jährige sitzt in ihrem Zimmer auf dem Boden und hält ihre Tochter im Arm, die Linet immer noch skeptisch anschaut. Die Diagnose HIV-positiv wäre vor einigen Jahren noch ein Todesurteil für Mutter und Kind gewesen. Heute stehen die Überlebenschancen etwas besser. Denn Kenia bietet seit 2006 die antiretrovirale Behandlung für HIV-Patienten kostenlos an.

Auch Tina nimmt Medikamente. Sie steht auf und holt aus einer Ecke ein blaues Tuch, breitet es auf dem Boden aus. Jede Menge Tabletten, Pillen und Fläschchen mit Saft befinden sich darin. Doch der Eindruck täuscht. „Während bei uns in Deutschland zur dauerhaften Behandlung der Erkrankung bereits mehr als 20 antiretrovirale Substanzen zur Verfügung stehen, werden in Kenia lediglich eine geringe Zahl an Medikamenten verwendet“, erklärt mir meine Freundin und Ärztin Vera Fleig. Dies bedeute, dass weniger auf Nebenwirkungen wie beispielsweise Übelkeit, Durchfall oder Resistenzen reagiert werden kann. Während die Regierung die Behandlung übernimmt, werden die Medikamente von Sponsoren zur Verfügung gestellt. Aber oft sind es zu wenig Sponsoren und häufig mangelt es dann an der erforderlichen, regelmäßigen medizinischen Versorgung.

„Aber dabei gibt es noch ein weiteres Problem“, bemerkt Linet und berichtet, dass die Kosten für die Behandlung von HIV-assoziierten Erkrankungen wie zum Beispiel die häufig auftretenden Lungenentzündungen oder Pilzinfektionen von den Patienten selbst getragen werden müssen. Für Menschen wie Tina sind diese Medikamente jedoch unbezahlbar. Lediglich Kinder bis zum fünften Lebensjahr erhalten die Kosten erstattet. Tina hustet. Sie hat Tuberkulose. Die bei uns früher als Schwindsucht bekannte Krankheit tritt sehr häufig in Kombination mit HIV auf.

„Wir testen täglich um die 60 Menschen, im Schnitt sind 5 bis 6 von ihnen HIV-positiv“, berichtet Linet. Die Hilfsorganisation schlägt ihr Zelt jeweils für eine Woche vor Krankenhäusern, am Strand oder an Schulen auf. Linet und ihr Team führen HIV-Schnelltests durch. Mit einem kleinen Pieks am Finger entnimmt sie Blut. Nach 15 Minuten ist ein Ergebnis da. Linet ist sich der Unsicherheit dieses Schnelltetsts bewusst. Denn der bietet zwar eine große Sensitivität, ist jedoch nur gering spezifisch. Das bedeutet, dass zum Bespiel im Falle einer Hepatitis B-Infektion der Test ebenfalls positiv ausfallen kann. Fällt ein Schnelltest positiv aus, wird der Patient für weitere Untersuchungen und Bestätigungstetsts ins Krankenhaus überwiesen.

In Deutschland werden aufgrund solcher Unsicherheiten keine Schnelltests angewandt, sondern ein viel genaueres und sicheres Verfahren. Dies wäre jedoch in Kenia viel zu teuer. „Nur bei Kindern wird zur Diagnosestellung und zur Therapieüberwachung ein Virusdirektnachweis gemacht und von der Regierung bezahlt“, sagt die auf dem Bett sitzende Linet und rückt etwas zur Seite. Denn mittlerweile sind Tinas Schwestern, Nichten und viele andere Kinder in dem Raum versammelt. Alle wissen, dass Tina und ihr Kind HIV-positiv sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit. „Die Krankheit wird in weiten Teilen der Bevölkerung totgeschwiegen. Wir kämpfen gegen ein großes Stigma an“, betont Linet und erzählt, dass viele Betroffene auch heute noch ausgegrenzt werden. Deshalb freut sich Linet über den kleinen Erfolg in dieser Familie. Sie streicht der kleinen Samua vorsichtig über den Kopf. Das Mädchen ist schon nicht mehr ganz so verängstigt. Sie hat Vertrauen gefasst zu der großen Frau mit dem breiten Lächeln.

Das Waisenhaus auf dem Hügel

Der erste Schock ist überwunden. Wir fahren im Taxi eine mit Schlaglöchern gesäumte roterdige Straße entlang. Charo Kadenge hat uns abgeholt. Der 38-Jährige ist der hiesige Koordinator für das Waisenhaus-Projekt von Mareike und Claus Müller in Kenia. Er bringt uns zum Kinderheim. Wir kommen vorbei an kleinen Dörfern, in denen Lehmhütten unter Kokusnusspalmen stehen. Vor einer dieser Lehmhütten sitzen lachende Kinder und spielen mit einer kleinen weißen Ziege.

Kenia ist ein schönes Land. Palmengesäumte Traumstrände mit weißem Sand und türkisblauem Meer bilden die Küste rund um Mombasa. Im Landesinnern schmiegen sich grüne Hügel an einen strahlend blauen Himmel mit weißen Quellwölkchen. Das Land erstreckt sich in einer schier unendlichen Weite. Wir fahren weiter die huppelige Straße entlang durch Kashani. Vorbei an Frauen in bunten Gewändern, die auf ihren Köpfen riesige Krüge oder Bündel mit dutzenden Ästen balancieren. Vorbei an jungen Männern, die im Schatten der Affenbrotbäume ihre Herde Rinder hüten.

„Schaut dort oben, da ist das Heim“, sagt Charo auf Englisch und zeigt mit dem Finger gen Horizont. Mitten auf einem kleinen Hügel steht das „Shining Orphans Childrens Home“, das mithilfe von Spenden der OP-Leser errichtet wurde. Das weiße Dach und die graue Fassade heben sich beinahe unwirklich ab von den erdfarbenen Tönen der Umgebung. Das rund 5.000 Quadratmeter große Gelände ist mit Stacheldraht eingezäunt. Ein Askari (Suaheli für Wächter) bewacht Haus und Gelände, auch jetzt, wo noch keine Kinder drinnen wohnen. Er öffnet uns das blaue Tor, auf dem in weißen Lettern „Shining Orphans Childrens Home“ steht. Auf uns wartet bereits Peter Aluma Ondoga, der Bauleiter des Heimes. Zusammen mit Charo zeigt er uns den Neubau. Das Haus ist modern. Es ist im gesamten Tal das einzige Haus aus Stein. Die wenigen umliegenden Häuser sind einfache Lehmhütten – meist in erbärmlichem Zustand.

Ein breiter Flur empfängt die Besucher des Kinderheims. Das hohe Dach schirmt die sengende Hitze ab, es ist angenehm kühl im Innern. „Wir haben für den unteren Teil der Wand extra Ölfarbe verwendet, da kann man etwaige Krickeleien der Kinder ganz leicht abwaschen“, erklärt Peter und streicht lächelnd mit der Hand über die türkisfarbene Wand. Es gibt vier Toiletten, im kenianischen Stil als Plumpsklos gebaut. Die Küche ist zweckmäßig, ein Essraum grenzt an. In den Schlafräumen sollen rund 24 Kinder unterkommen. Eine Hausmutter soll sich um die Aidswaisen kümmern. Auch sie hat ein Zimmer, zudem gibt es noch einen Büroraum. Möbel gibt es noch keine. Sie müssen erst vom gemeinnützigen Verein „Shining Orphans“ gekauft werden. „Hier geht alles Schritt für Schritt. Wir sind eben immer auf das gute Herz von Spendern angewiesen“, sagt Peter.

Besonders stolz sind Charo und Peter auf einen 10.000 Liter fassenden Tank, der das Heim mit fließend Wasser versorgen wird. Im Umkehrschluss wird ein ein Tankwagen in regelmäßigen Abständen die Sickergrube leeren, weil es keine Kanalisation gibt. Vor dem Haus gibt es einen Garten, der zur Selbstversorgung des Heims beitragen soll. Dort wird zum Beispiel Mais angebaut, oder aber auch kartoffelähnliche Gewächse. Die Papaya-Bäume tragen bereits Früchte.

Ein kleines Mädchen läuft auf der angrenzenden Straße vorbei, lacht, winkt und ruft „Jambo“. Charo winkt lachend zurück. „Die Menschen in der Gegend hier sind sehr arm“, erklärt er. „Alle freuen sich, das hier ein Waisenhaus hingebaut wird.“

Der Countdown läuft

Morgen geht’s los. Ich werde zum ersten Mal in ein Entwicklungsland reisen. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Afrika kenne ich nur aus dem Fernsehen – und das zeigt meist die schlimmen Seiten: Armut und Leid.

Und genau das werde wohl auch ich erleben. Denn mein Ziel ist Kashani. Dort baut ein Ehepaar aus Kirchhain ein Waisenhaus für Kinder, deren Eltern an Aids gestorben sind.

Warum fahre ich da hin?  Ich habe Claus und Mareike Müller vor zwei Jahren kennengelernt, als ich über ihre Hilfsaktion berichtete.  Ich war sofort von ihrem selbstlosen Einsatz beeindruckt. Denn es sind Menschen wie du und ich. Sie sind nicht besonders wohlhabend, haben sich jedoch nicht einfach abgewandt. Die beiden waren als Touristen in der Nähe von Mombasa unterwegs und stießen zufällig auf ein Waisenhaus. Sie waren zutiefst schockiert von menschenunwürdigen Bedingungen, die dort herrschten. Die Kinder hatten Hunger und Durst, schliefen auf dem nackten Fußboden. Aber Müllers haben nicht weggeschaut. Sie haben sofort gehandelt: Nahrungsmittel und medizinische Versorgung organisiert und Matratzen gekauft. Sie wandten sich an die Presse.
Durch die Artikel wurden OP-Leser aufmerksam und spendeten.  Sukzessive erweiterten Müllers ihre Hilfe. Tag für Tag. Schritt für Schritt.

Jetzt ist das Waisenhaus fast fertig. Viele Kinder warten sehnlichst darauf, endlich einziehen zu können. Denn die kenianische Regierung muss immer wieder Waisenhäuser schließen, die mit den Kindern nur Geld machen. Sie ausnutzen – manchmal auf eine für den gesunden Menschenverstand unfassbare Weise.

Ich jedenfalls bin gespannt, wie es dort ist. Laut Unicef haben in Afrika rund 15 Millionen Kinder ihre Eltern durch Aids verloren. Allein in Kenia sind es mehr als eine Million. Das sind nackte Zahlen, die tagtäglich so an uns vorbeirauschen. Welches Leid sich hinter diesen Zahlen verbirgt, können wir verwöhnten Europäer wohl kaum nachvollziehen…

Viele internationale Hilfsprojekte nahmen im heimischen Landkreis ihren
Anfang – so auch das Projekt Shining Orphans, das Ehepaar Müller aus
Kirchhain im Jahr 2007 ins Leben rief. Durch die Spenden der OP-Leser
wurde der Einsatz für Aidswaisen in Kenia erst möglich. Die OP bietet
ihren Lesern im Februar und März eine Reihe von exklusiven
Korrespondentenberichten aus Kashani, wo sich OP-Redakteurin Nadine Weigel
einen Eindruck von der Verwendung des Spendengeldes und vom Fortgang des
Projekts verschafft.