Wir rutschen vorwärts

Protokoll eines afrikanischen Krankenhaus-Besuchs – Teil 1:

Hand auf Hand ins Krankenhaus.

Hand auf Hand ins Krankenhaus.


9 Uhr:
Hier ist Warten angesagt. In der Bamburi Klinik herrscht Hochbetrieb. In dem Gebäude, das optisch eher einer Markthalle gleicht, tummeln sich dutzende Menschen. Wir haben die beiden Waisenkinder aus Kiembeni Caleb (3 Jahre) und Leah (1,5Jahre) dabei. Sie sollen auf HIV getestet werden.

9.30 Uhr: Eine nette Dame zeigt uns, wo wir uns “Ansitzen” sollen. In afrikanischen Krankenhäusern stellt man sich nicht an – man sitzt. Also setzen auch wir uns ans Ende einer Schlange aus Frauen, die mit Babys auf den Armen auf einer langen Holzbank hocken. Wir sind an 17. Stelle dran.

9.31 Uhr: Meine Begleiterin, die deutsche Ärztin Frau Dr. Vera Fleig, verbietet mir, Fotos zu machen – in solch einer Klinik gehöre sich das nicht.

9.40 Uhr: Während man in Deutschland einen Arztbesuch meist lediglich frisch geduscht absolviert, macht man sich in Afrika zudem noch sehr, sehr schick. Diese Tradition steht im krassen Kontrast zur extremen und meist auch ziemlich dreckigen Realität Afrikas. Durch die nicht vorhandene Tür des Krankenhauses weht der Gestank von verbranntem Müll. Das dicke Kind zu unserer Rechten trägt ein Kleidchen aus bordeauxfarbenen Satin mit einer beigefarbenen Rose aus Tüll am Kragen. Die Temperatur im Markthallen-Krankenhaus beträgt gut 36 Grad. Auch das Satin-Tüll-Kind schwitzt.

Ein kleiner Blick ausm Taxi auf der Fahrt in die Klinik.

Blick aus dem Taxi auf der Fahrt in die Klinik.

10 Uhr: Es geht zügig voran. Wir rutschen vorwärts. Am Kopfende der langen Bank sitzen zwei Frauen an einem Tisch. Vor ihnen steht eine Kühlbox und eine rostige Waage. Immer wenn sie ein Mutter-Kind-Paar erreicht, rutscht der ganze Tross – wir inklusive – ein paar Zentimeter vorwärts. Das Baby zwei Plätze neben uns, ist erst vor wenigen Stunden geboren, es hat auf dem Kopf noch etwas von der Plazenta kleben. Seine Mutter hatte das Baby mit einem großen Tuch auf den Rücken gebunden und war mit ihm durch die halbe Stadt gelaufen, um es hier untersuchen zu lassen. Eine der Damen am ersehnten Ende der Schlange nimmt eine Spritze aus der Kühlbox.

10.10 Uhr: Auf der parallel uns gegenüberstehenden Bank bemerkt eine der Mütter zu spät, dass es zu spät ist: Ein großer Strahl Urin ihres nicht richtig gewickelten Säuglings ergießt sich über die Bank und tröpfelt auf den Boden. Das Satin-Tüll-Kind heult. Wir rutschen weiter.

10.20 Uhr: Wir sind bei den Kühlbox-Damen angekommen. Lachend informieren sie uns darüber, dass wir auf der falschen Bank entlanggerutscht sind. Sie schicken uns ans Ende der Halle zu einer anderen Bank. Wieder sind wir die Letzten.

10.30 Uhr: An der Wand vor dem HIV-Test-Zimmer hängt ein vergilbtes Aufklärungsposter. Es zeigt einen Mann und eine Frau, die in einem überdimensionalen Kondom stehen.

10.45 Uhr: Das ging schnell – wir sind schon dran. In dem winzigen HIV-Test-Zimmer sitzt eine junge Frau, die mit ihrem Handy spielt. “Sind das Ihre Kinder?”, fragt sie uns, ohne von ihrem Handy aufzublicken. Es wird an diesem Tag nicht das letzte Mal sein, dass uns diese Frage gestellt wird. In ein mindestens 500 Seiten starkes Notizbuch trägt die Handy-Frau die beiden Vornamen unserer Waisenkinder ein, die ja keinen Nachnamen haben. Stattdessen heißen Caleb und Leah nun mit Nachnamen “Redeemer, weil sie aus dem “Mighty Redeemer”-Waisenhaus in Kiembeni kommen. Das Geburtsdatum unserer Kinder kennen wir nicht, was in Afrika aber ganz normal ist. Hat man als kenianischer Staatsbürger genug Kleingeld, kann man sich einen Personalausweis abholen. Bei dieser Gelegenheit kann man sich gleich ein Geburtsdatum mit aussuchen.

10.50 Uhr: Die Handy-Frau streift sich Latexhandschuhe über und kramt zwei HIV-Tests hervor. Mit einer kleinen Nadel piekst sie Leah in den Mittelfinger, die sofort anfängt zu weinen. Das Blut träufelt die Frau auf den Teststreifen. Caleb weint nicht, als er gepiekst wird. Er schläft.

11.00 Uhr: Die Frau schaut wieder auf ihr Handy und murmelt “fertig”. Sie teilt uns mit, dass beide Kinder “negativ” sind und entlässt uns zurück in die sich weiter füllende “Markthalle”. Ich bin enttäuscht. Ich hätte mir den Moment, in dem verkündet wird, dass die beiden Kinder gesund sind, irgendwie ein bisschen feierlicher vorgestellt.

Ziemlich unspektakulaer: Diese beiden Streifen zeigen, dass die Kinder nicht mit dem HI-Virus infiziert sind.

Ziemlich unspektakulär: Diese beiden Streifen zeigen, dass die Kinder nicht mit dem HI-Virus infiziert sind.

11.20 Uhr: Von wegen gesund. Wir haben beschlossen, Leah in ein anderes Krankenhaus zu bringen. Die Lungen des anderthalb Jahre alte Mädchens rasseln hörbar. Sie hustet. Leah lebt seit 3 Monaten im Waisenhaus in Kiembeni. Die Polizei fand das völlig unterernährte Mädchen auf der Straße. Das Jugendamt brachte Leah ins Waisenhaus in Kiembeni. Sie war in einem öffentlichen Krankenhaus in Behandlung – ohne nennenswerte Erfolge. Sie isst sprichwörtlich wie ein Scheunendrescher, nimmt aber nicht zu. Mit anderthalb Jahren wiegt sie lediglich sechs Kilo.
Also bringen wir Leah nun in ein Privatkrankenhaus.

11.30 Uhr: Unser Taxi springt nicht an. Wir müssen es anschieben. Doch ich komme nicht raus, meine Tür klemmt. Vera ist nicht mehr aufzuhalten und schiebt allein. Die Tatsache, dass sein Auto von einer deutschen Ärztin angeschoben wird, amüsiert unseren Taxifahrer köstlich. So sehr, dass er die Anekdote anschließend bei jeder Gelegenheit erzählen wird.

11.32 Uhr: Unser Taxi fährt. Vera sei Dank.
11.40 Uhr: Eine Frau, die einer anderen Frau am Straßenrand die Haare kämmt, winkt uns zu.
11.45 Uhr: Ein Mann, der einen mit Wasserkanistern vollbeladenen Karren zieht, winkt uns zu.
11.50 Uhr: Ein Mann, der Beutel mit Zuckerrohr am Straßenrand verkauft, klärt uns auf, warum uns so viele Menschen freundlich zuwinken: Unser Taxi hat einen Platten.

Fortsetzung folgt

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Er isst, er lacht, er lebt

Als wir ihn das erste Mal sahen, lag er im Sterben. Jetzt lacht er. Strahlt von einem Ohr zum anderen. Ich hebe ihn hoch in die Luft und er gluckst vor Freude. Leicht fällt mir das Heben nicht, denn Baby Hezekiel ist ein wahrer Wonneproppen. Er hat feiste Bäckchen, ein wohlgenährtes Bäuchlein und ziemlich speckige Ärmchen. Nichts an diesem dicken Baby erinnert an die dramatischen Umstände, unter denen wir es vor rund acht Monaten auffanden. Im Februar wog das damals fast vier Monate alte Baby gerade einmal drei Kilo. Es hatte eingefallene Wangen, einen vor Hunger aufgeblähten Bauch und tief in dunklen Höhlen liegende Augen, die stumpf durch uns hindurchsahen.

Hezekiel hat sich praechtig entwickelt. Der Kleine ist so schwer, dass ich ihn kaum hochheben kann.

Rückblick: In unserem ersten Urlaub in Kenia vor acht Monaten besuchten meine Freundin Dr. Vera Fleig und ich ein kleines Waisenhaus in Kiembeni, einem Vorort von Mombasa. Vera, die in Deutschland als Ärztin arbeitet, fiel sofort der lebensbedrohliche Zustand des Babys auf. “Durchfall, Fieber und Mangelernährung waren damals der Grund für seine kritische Verfassung”, erklärt Vera. In einem Taxi brachten wir den Kleinen in ein Krankenhaus, wo ihm die Ärzte jedoch keine Überlebenschance gaben. Denn Hezekiel galt damals als HIV-positiv und war zudem an Tuberkulose (TBC) erkrankt.

Im Februar ging es Hezekiel sehr schlecht. Durchfall und Fieber haben den Kleinen so ausgezehrt, dass ihm die Aerzte keine Ueberlebenschance geben.

Neben Aids ist auch Tuberkulose in Afrika eine häufige Todesursache. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge sind in Kenia im Jahr 2008 von 100 000 Einwohnern 180 an der durch Mycobakterien verursachten Infektion neu erkrankt. In Deutschland waren es nur 5 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner. Weltweit erkranken knapp neun Millionen Menschen pro Jahr an Tuberkulose, etwa 1,6 Millionen sterben pro Jahr – häufig aufgrund unzureichender Behandlungsmöglichkeiten, da die Therapie teure Antibiotika erfordert und langwierig ist. TBC ist vor allem in Afrika, Asien und Osteuropa aufgrund der schlechteren hygienischen Bedingungen und der Mangelernährung auf dem Vormarsch . “Die Krankheit kommt vor allem zum Ausbruch bei Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist: So bricht TBC sehr häufig bei aidskranken Menschen aus”, erklärt Dr. Vera Fleig. Es gibt verschiedene Formen der TBC, meist ist die Lunge befallen. Allen Formen gemein ist eine durch die Infektion verursachte Schwächung des Körpers, verbunden mit einer starken Gewichtsabnahme. Aus diesem Grund ist TBC auch unter dem früher sehr gebräuchlichen Begriff “Schwindsucht” bekannt.

Vera haelt Hezekiel im Arm.

Vera haelt Hezekiel im Arm.

Baby Hezekiel hatte Glück: Durch eine sechsmonatige Antiobotika-Therapie wurde der Junge geheilt. Mittlerweile stellte sich zudem heraus, dass sein HIV-Test negativ ist. “Und nun schau ihn dir an, wie gut es ihm geht”, jubelt unsere Taxifahrerin Mashy, die sich sehr über den Gesundheitszustand von Hezekiel freut. Mashy war es, die damals mit uns den Kleinen ins Krankenhaus brachte. Seither nennt sie Hezekiel nur noch “Survivor-Boy” – was soviel bedeutet wie “Junge, der überlebte“. Hezekiel heisst jetzt William. Er lebt noch immer im Tumaini-Waisenhaus, wohin ihn im Februar nach dem Krankenhausaufenthalt das Jugendamt Mombasa brachte. Denn in dem kleinen Waisenhaus in Kiembeni, wo wir Hezekiel aufgefunden hatten, konnte dieses schwerkranke Baby nicht bleiben, da dort die medizinische Versorgung nicht gewährleistet war.
Nun, acht Monate später, hat er sich prächtig entwickelt. William Hezekiel ist das jüngste Kind im Tumaini-Waisenhaus. Die anderen 39 Kinder im Alter von 1 bis 14 Jahren behandeln den kleinen Dicken wie etwas ganz Besonderes. Wenn sie das Baby erblicken, rufen sie ausgelassen “William, William”, nehmen ihn auf den Arm und kitzeln ihn, bis er lacht. “William Hezekiel hat jetzt viele Brüder und Schwestern, die ihn alle sehr lieben”, sagt Hausmutter Mary. Im Tumaini-Waisenhaus, das von Engländern und Deutschen finanziert wird, hat William Hezekiel nun die Chance auf ein richtiges Leben. Bislang nutzt der Kleine sie prima: Er isst, er lacht, er lebt.

Unsere Taxifahrerin Mashy kann ihre Freude ueber den guten Gesundheitszustand des "Survivor-Boy" nicht verbergen.

Packen für Fortgeschrittene

Der Countdown läuft. Morgen fliegen meine Freundin, Dr. Vera Fleig, und ich wieder nach Kenia. Der wichtigste Koffer ist schonmal gepackt – der Koffer mit der Kinderkleidung. Freunde, Bekannte und Verwandte haben uns mit dutzenden Stramplern, Hemdchen, Shirts, Hosen, Spielsachen und vielem mehr versorgt. Die Zahnklinik Marburg spendierte 200 Kinderzahnbürsten. Die Unterstützung ist enorm. Allerdings sieht das heimische Wohnzimmer aus, als habe ein Rosinenbomber seine Fracht verloren. Doch das ist gut! Das ist „Packen für Fortgeschrittene“. Eine Herausforderung, der wir uns gerne stellen. Schließlich möchten wir den Kindern in Mombasa so viel wie möglich mitbringen.
Natürlich werden wir auf dieser Seite in regelmäßigen Abständen über das Schicksal der Aids-Waisen berichten. Wir informieren darüber, wie es Joshua, James, Blessing und den anderen Kindern im Waisenhaus Kiembeni geht. Und natürlich werden wir das „Shining Orphans“-Waisenhaus von Claus und Mareike Müller in Kashani besuchen. Denn auch dort hat sich einiges getan. Mittlerweile leben 19 Kinder im Waisenhaus auf dem Hügel.

James kann laufen

Gestern erreichten uns gute Nachrichten aus Kenia. Josephine, die Heimleiterin des Mighty-Redeemer-Wisenhauses in Kiembeni, schickte uns via Email Fotos der Kinder. Darauf ist der kleine James zu sehen, der noch im Februar aufgrund einer schweren Rachitis nur unter dem Tisch liegen konnte. Durch eine folgenschwere Mangelernährung hatte er deformierte Knochen – wie aus Gummi. Er war nicht in der Lage zu sitzen, zu stehen, geschweige denn zu laufen. Nun ist auf dem Foto zu sehen, dass James stehen kann – ohne Hilfe.

Durch die Spenden der Blog-Leser konnten James und auch Zacharias, der durch die Rachitis nicht laufen konnte, besser ernährt und medizinisch versorgt werden. Vielen Dank von ganzem Herzen an all die Spender, die das möglich gemacht haben!

Zacharias (links) kann mit Hilfe stehen. James steht von ganz allein. Durch die besser Ernährung hat sich seine Rachitis verbessert.

Es geht weiter

Drei Wochen bin ich nun zurück aus Kenia – und jetzt erst hab ich das Video fertig. Naja, besser als nie.
Aber das Tollste: Den Kindern aus dem „Migthy Redeemer“-Waisenhaus wird weiter geholfen! Der DRK-Kreisverband Marburg hat uns 250 Euro gespendet – und ein Spendenkonto für uns eröffnet! Das bedeutet: Jeder der dem kleinen James und den anderen Waisenkindern helfen möchte, kann dies ganz offiziell und ganz einfach tun. Spendenquittungen sind garantiert.

Hier die Kontonummer: 11009212
Sparkasse Marburg-Biedenkopf
BLZ: 533 500 00
Verwendungszweck: Waisenhaus Kiembeni, Kenia

Hier das Video:

Außerdem ist es an der Zeit, einmal zu danken:

Also – an alle, die meinen Blog so eifrig verfolgt, gelesen und kommentiert haben: Ganz, ganz herzlichen Dank!

250 Euro kostet sein Leben

Baby Hezekiel lebt. Er hat die Nacht überstanden. Wir erkennen den Kleinen kaum wieder, als wir ihn am nächsten Tag im Privatkrankenhaus besuchen. Nur 250 Euro kostet uns Hezekiels Leben. Noch am Vortag war der kleine Junge mehr tot als lebendig. Er war völlig dehydriert und in einer sehr schlechten Verfassung. Der fast vier Monate alte Säugling wog nur noch drei Kilo. Die Ärzte gaben ihm kaum eine Überlebenschance. Heute lächelt das Baby.

Baby Hezekiel hat überlebt. Einen Tag nachdem er fast gestorben wäre, schaut der Säugling schon besser aus. Im Krankenhaus bekam das völlig dehydrierte Kind Invusionen.

Josephine Mutisya, die Gründerin des „Mighty Redeemer”-Waisenhauses, wacht im Krankenhaus an Hezekiels Seite. Denn in kenianischen Kliniken muss die Mutter – oder eben die Hausmutter – das Füttern, Waschen und Versorgen des kleinen Patienten selbst übernehmen. Für Ruth, die einzig andere Hausmutter im „Mighty Redeemer Orphanage”, bedeutet dies, dass sie allein auf Baby Blessing und neun kleine Kinder aufpassen muss. Sie muss Fläschchen geben, wickeln, kochen und putzen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ohne Unterbrechung. Ihre eigenen beiden Kinder hat sie bei den Grosseltern zurückgelassen, um in Kiembeni ein wenig Geld zu verdienen. 60 Euro im Monat.

Die Kinder essen täglich Ugali (Maisbrei) mit Spinat. Für eine ausgewogene Ernährung fehlt das Geld.

James liegt unter dem Tisch. Da liegt er immer. Im dunklen Zimmer. James ist ungefähr zwei Jahre alt. Er kann nicht laufen. Er kann nicht stehen. Wenn er sitzt, fällt er um, weil seine Wirbelsäule wie aus Gummi ist. Mit großen Augen beobachtet er seine Umgebung. Seine Wange ruht dabei stets auf dem kaputten Steinboden.

Der kleine James liegt stets unter dem Tisch, weil er nicht sitzen, stehen oder laufen kann. Der Mangel an Milch und Sonnenlicht hat seine Knochen krank gemacht.

James ist eines der elf Kinder im „Mighty Redeemer”-Waisenhaus. Seitdem der drei Monate alte Hezekiel im Krankenhaus liegt, sind die anderen zehn Kinder mit Hausmutter Ruth allein. Es sind menschenunwürdige Bedingungen unter denen die Waisenkinder „gehalten” werden. Von guter Versorgung oder gar Betreuung kann nicht die Rede sein. „Die Kinder sind alle krank”, stellt meine Freundin und Ärztin Vera Fleig fest. Sie ist schockiert, denn der kleine James und vier andere Kinder haben Rachitis, eine aus Mangelernährung und nicht genügend Sonnenlicht resultierende Knochenkrankheit. Deshalb kann James nur liegen und Zacharias nur sitzen. Früher trat die Krankheit vor allem in England zu Zeiten der Industrialisierung auf – bei Kindern, die unter Tage in Bergwerken arbeiten mussten. Durch das fehlende Sonnenlicht haben die Kinder einen Mangel an Vitamin D. Durch nicht genügend Milchverzehr fehlt es den Kindern an Calcium. Dadurch verformen sich die Knochen. Es kommt zu gummiartigen Beinen, deformierten Handgelenken und einer instabilen Wirbelsäule. Laut internationalen Statistiken tritt diese Krankheit derzeit immer häufiger in afrikanischen Ländern auf. Vera ist fassungslos. „Es ist unglaublich, dass hier Kinder durch Mangel an Sonnenlicht krank werden – in einem Land, indem 12 Stunden am Tag die Sonne scheint.“

Neun Kinder teilen sich das kleine Zimmer.

Josephines Kinderheim ist nicht registriert. Trotzdem bekommt die Pastorin immer mehr schwerkranke Kinder gebracht – von offizieller Seite. „Ich gebe ihr die Kinder, weil Josephine sehr engagiert und nicht an Geld interessiert ist“, erklärt uns Rose Mumbo vom Childrens Departement (Jugendamt) in Mombasa. Es gebe noch viel schlimmere Heime, betont sie. Erst kürzlich musste die Behörde dutzende Heime schließen, weil die Betreuer Spendengelder veruntreuten, um sich selbst zu bereichern – zum Leidwesen der Waisen.

Die Kinder essen täglich Ugali (Maisbrei) mit Spinat. Für eine ausgewogene Ernährung fehlt das Geld.

Für eine adäquate Versorgung von Waisenkindern braucht es viel Personal. Rose Mumbo verdeutlicht dies am Beispiel des noch im Bau befindlichen „Shining Orphans”-Waisenhauses des Kirchhainer Ehepaars Müller in Kashani. Für die dort geplanten 24 Kinder benötige man drei Hausmütter, Bewacher des Grundstücks, Köche, Putzfrauen und vor allem eine Krankenschwester. Die ist unerlässlich, insbesondere, wenn man HIV-positive Kinder betreut. „Mit HIV-Infektionen gehen häufig andere Erkrankungen einher – wie Tuberkulose, Ohrenentzündungen und Lungenentzündungen, Pilzinfektionen und Durchfall”, weiß Medizinerin Vera. Gibt es keine rechtzeitige Behandlung dieser Folgeerkrankungen, ist das Leben des Kindes in Gefahr. Wie bei Baby Hezekiel.

In Kenia erhalten Kinderheime keine Unterstützung vom Staat. Josephine Mutisya versucht ihr Bestes. Sie hatte einen gut bezahlten Job in einem Hotel. Sie gab ihn auf, als sie vom Schicksal kenianischer Waisen erfuhr. Ohne Sponsoren, ohne Erfahrung und ohne Hilfe gründete sie das „Mighty Redeemer”-Waisenhaus. Nur mit dem Glauben, dass es ihre von Gott gewollte Bestimmung sei. Dies wird ihr nun zum Verhängnis. Es gibt kein fließendes Wasser. Die Kinder trinken Brunnenwasser, das laut Jugendamt nicht sauber und schon gar nicht keimfrei ist. Die Kinder ernährt Josephine täglich mit Ugali (Maisbrei) und Spinat. Eine weitere Hausmutter kann sie sich nicht leisten. Deshalb hat iemand Zeit, mit den Kindern nach draußen in die Sonne zu gehen. Das macht die Kinder krank. Dabei leiden die meisten ohnehin an Erkrankungen – oder sind aufgrund ihrer Vergangenheit psychisch schwer traumatisiert. Die achtjährige Anna und einige der anderen Kinder lebten auf der Straße. Der kleine Zacharias wurde auf einer Müllkippe gefunden. In einigen der Heimen, die das Jugendamt schloss, wurden die Kinder an Männer verkauft, die sich an ihnen vergingen. Nicht selten waren diese Männer Europäer. „Geld verleiht Macht. Und Macht wird oft missbraucht”, sagt Josephine.

Paul und die anderen Kinder im "Mighty Redeemer"-Waisenhaus bekommen keine Unterstützung. Sponsoren gibt es keine, der Staat hilft nicht.

Wir helfen, stellen für 60 Euro im Monat eine weitere Hausmutter ein. Auch Rose Mumbo vom Jugendamt hilft spontan. Sie veranlasst, dass Hezekiel schnell in das in der Nähe gelegne „Tumaini”-Waisenhaus kommt. Dort gibt es medizinische Versorgung für das Baby. Eine Krankenschwester arbeitet in dem Heim, in dem 24 zum Teil HIV-positive Kinder leben. Im Krankenhaus wurde Hezekiels Blut untersucht. Seine Helferzellen lagen bei 700. „Ein sehr guter Wert“, freut sich die deutsche Ärztin Vera Fleig: „Das Ergebnis deutet darauf hin, dass der Kleine vielleicht Glück hat und gar nicht HIV-positiv ist.”

Kampf um ein bisschen Leben

Er kämpft um sein kleines Leben. Wir rasen durch die dreckigen Straßen von Mombasa. Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Er hat hohes Fieber. Seine winzige Hand klammert sich um den Finger meiner Freundin Vera, die ihn im Arm hält. Hezekiel ist erst drei Monate alt. Er ist Waise. Er hat Aids. Wir wissen nicht, ob er die Fahrt zum Krankenhaus überlebt.

Meine Freundin Vera hält den aidskranken Hezekiel im Arm, als wir mit einem Taxi ins Krankenhaus rasen.

Eine Stunde zuvor: Josephine Mutisya nimmt vorsichtig das kleine Bündel Mensch auf den Arm und gibt ihm ein Fläschchen Milch. Josephine leitet das „Mighty Redeemer Orphanage“, ein kleines Waisenhaus in Kiembeni, einem Vorort von Mombasa. „Ich bin die Mutter und Gott ist der Vater”, sagt die Pastorin und lächelt. In dem kleinen, dunklen Raum stehen lediglich ein Tisch, sechs Stühle und ein kleines Schränkchen. Die Kinder krabbeln unter dem Tisch hindurch, wenn sie von der Feuerstelle zum Kochen hinter dem Haus in ihr Zimmer wollen. Es gibt kein fließendes Wasser. Josephine kümmert sich mit einem Kindermädchen um elf Kinder. Vier von ihnen sind HIV-positiv.

Josephine Mutisya kümmert sich um Waisen. Vier von ihnen sind HIV-positiv."

Laut Unicef sind in Kenia mehr als 1 Million Kinder mit dem HI-Virus infiziert. Die Säuglingssterblichkeit lag im Jahr 2008 bei 77 je 1.000 Geburten, die Müttersterblichkeit bei 560 je 100.000 Geburten. Experten zufolge gibt es keine Familie, in der nicht Familienmitglieder mit HIV infiziert oder an AIDS gestorben sind. Immer mehr Kinder werden so zu Aids-Waisen. Für die Kinder von Eltern, die an AIDS gestorben sind, beginnt ein Teufelskreis. Das einzige soziale Netz sind die Großfamilien. Finden sie keine Verwandten, die bereit sind, sie aufzunehmen, beginnt das Leben auf der Straße oder in einem Heim. Das ist – aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in den Heimen – mitunter auch nicht viel besser als auf der Straße.

Auf der Straße fand die Polizei auch einen Jungen, der seit einer Woche bei Josephine lebt. Die 40-Jährige hat ihm noch keinen Namen gegeben. Und so nennen ihn die anderen Kinder „Mtoto mgeni”- das fremde Kind. Der Junge hat seit seiner Ankunft kein Wort gesprochen. Dafür schreit er. Er entdeckt uns, zuckt zusammen, schreit und weint in wilder Panik. “Wir haben keine Ahnung, was er alles erlebt hat, aber es müssen schreckliche Dinge gewesen sein”, sagt Josephine und versucht, den ungefähr zwei Jahre alten Jungen zu beruhigen. Es gelingt ihr nur schwer. Auch unsere Taxifahrerin Mashy redet auf den Jungen ein. Versehentlich verfällt sie dabei in ihre Stammessprache – und plötzlich wird der kleine Junge ganz ruhig. Er hört auf zu weinen, lässt sich von Mashy sogar auf den Schoss nehmen. Josephine ist völlig baff: “Deswegen weint er ständig, er hat uns einfach nicht verstanden.” Josephine gehört dem Stamm der Kamba an, Mashy ist Taita. Die allgemein gesprochene Amtssprache Suaheli erlernen Kinder erst ab dem fünften Lebensjahr in der Schule. Niemand wusste, dass der Junge Taita ist.

Unsere Taxifahrerin konnte den verängstigten Waisenjungen beruhigen. Durch Zufall spricht sie die gleiche Stammessprache.

Laut Statistiken stirbt in Kenia jedes achte Kind vor seinem fünften Lebensjahr. Jeder dritte Säugling wird nicht ausreichend geimpft. Infektionskrankheiten wie Masern, Polio oder Tetanus bedrohen ihr Leben. Seit 2006 ist die Behandlung von HIV in Kenia kostenlos möglich, da durch Sponsoren Medikamente zur Verfügung gestellt werden. Die Behandlung von Krankheiten, die durch die Immunschwäche resultieren (Durchfall, Lungenentzündung, Pilzinfektionen) müssen gezahlt werden. Lediglich Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr erhalten diese Behandlung in öffentlichen Krankenhäusern kostenlos. Allerdings kann dort von guter medizinischer Versorgung nicht die Rede sein. “Man wartet den ganzen Tag und kommt dann nicht dran”, erzählt Josephine und berichtet, dass es häufig keine Medikamente gab und sie in die Stadt gehen musste, um selbst welche zu kaufen.

Die beiden Babys Blessing und Hezekiel teilen sich ein Bettchen. Der kleine Junge wurde aus dem staatlichen Krankenhaus entlassen - trotz Durchfall.

Baby Hezekiel ist ein Paradebeispiel für die schlechte Versorgung. Er verbrachte die meiste Zeit seines kurzen Lebens im staatlichen Krankenhaus. “Gestern haben sie ihn entlassen”, sagt Josephine und zeigt uns den kleinen Jungen, der zusammen mit dem drei Monate alten Mädchen “Blessing” in einem Bettchen liegt. Baby Hezekiel weint. Er hat Durchfall und hohes Fieber. Die Wangen des Säuglings sind eingefallen. Seine Augen treten unnatürlich hervor. Er hat spindeldürre Ärmchen und Beinchen. Die Haut hängt schlaff herab. Er ist völlig dehydriert. Meine Freundin Vera ist Ärztin. Sie erkennt die Notsituation. “Wir müssen ins Krankenhaus, schnell.”

Mombasas Straßen sind voll. Wir kommen schlecht voran. Taxifahrerin Mashy tritt aufs Gas. Sie hat Angst, dass Hezekiel stirbt. “Das Fieber ist sehr hoch, sein Blutdruck sinkt”, sagt Vera neben mir und tastet an Hezekiels Leiste nach dem Puls. Josephine betet.

Notärzte gibt es in Kenia nicht. Deshalb fahren wir selbst in ein Privatkrankenhaus, in der Hoffnung, dass er dort gerettet wird. Das Mewa Hospital in Mombasa wird von Muslimen geführt. Vom Minarett ertönen die arabischen Klänge des Vorbeters, als wir in die Notaufnahme eilen. Wir müssen uns setzen. Wir warten. Unsere Taxifahrerin ist sauer, sie spricht einen Arzt in einem langen weißen Kaftan an. Der wirft einen kurzen Blick auf das apathische Baby und sagt, wir sollen in einen Behandlungsraum gehen. Es gibt drei Räume, sie sind nur mit Tüchern von einander abgegrenzt. Zwei englische Ärzte laufen vorbei, werden auf Hezekiel aufmerksam. Sie untersuchen ihn sofort.

Zwei englische Ärzte untersuchen Baby Hezekiel. Sie haben kaum Hoffnung.

Hezekiel rührt sich nicht, als sie ihm einen intravenösen Zugang legen.  Die Ärztin schaut auf, schüttelt mit dem Kopf: “Dieses Baby ist in einer sehr schlechten Verfassung. Es könnte sein, dass es die Nacht nicht überlebt.”

Das drei Monate alte Baby Hezekiel bekommt Sauerstoff und Invusionen. Trotzdem stehen seine Chancen schlecht.