Interview

In den vergangenen Wochen habe ich über das Schicksal von Waisenkindern in der kenianischen Großstadt Mombasa berichtet. In einem abschließenden Interview, das mein Kollege Matthias Mayer für die OP mit mir führte, hab ich meine Eindrücke nochmal zusammengefasst.

OP: Du hast Kenia außerhalb der abgesperrten Tourismus-Resevervate erlebt. Ein Schock?
Nadine Weigel: Am Anfang ein großer Schock! Am ersten Tag habe ich auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel geheult.

OP: Was hat Dich so fassungslos gemacht?
Weigel: Das allgegenwärtige Elend auf den überfüllten Straßen, die nach unseren Vorstellungen gar keine sind, der Dreck, der Müll, der überall herumliegt. Nach zwei oder drei Tagen gewöhnt man sich daran. Ich habe gemerkt, dass die Menschen auch in ihrem ärmlichen Leben gar nicht so unglücklich sind. Nicht gewöhnt habe ich mich an die ausufernde Prostitution. Es war schrecklich: Alte deutsche Männer mieten sich für die Zeit ihres Urlaubs gern mal eine minderjährige Prostituierte, von denen laut Unicef allein an Mombasas Strand 30 000 ihren Körper verkaufen. Die Ergebnisse lassen sich übrigens inzwischen auch in den mittelhessischen Kliniken besichtigen. Da gibt es 70- und 80-jährige Patienten mit der Erstdiagnose HIV.

OP: Wie leben die Durchschnittseinwohner von Mombasa, der zweitgrößten Stadt eines Landes, das nicht zu den Armenhäusern Afrikas gehört?
Weigel: Sie leben sehr ärmlich. Wir haben einige Familien besucht, die in einfachsten Lehmhütten hausen: Ohne Wasser, ohne Strom, ohne Tisch, Stuhl und Bett. Das Durchschnittseinkommen liegt unter einem Dollar pro Tag. Davon kann keine Familie existieren, zumal die Lebensmittelpreise fast so hoch sind, wie bei uns. Das Leben der Menschen ist schrecklich und schön zugleich. Die Kenianer leben in großen Familienverbänden zusammen, haben einen großen Zusammenhalt. Isolation oder Ausgrenzung von alten Menschen gibt es dort nicht.

OP: Du hast Dir mit Deiner Begleiterin, der Ärztin Vera Fleig, Waisenhäuser angesehen und dabei schockierende Verhältnisse angetroffen. Gibt es keine staatliche Überwachung, keine geregelte Finanzierung für die Waisenhäuser?
Weigel: Nein, es gibt keine staatliche Unterstützung für Waisenhäuser; sie müssen sich alle über Spenden finanzieren. Für die wenigen staatlich registrierten Waisenhäuser gelten strenge Auflagen. Neben diesen gibt es eine Unzahl privater Einrichtungen, die längst nicht alle seriös sind. Es gibt zahlreiche Häuser, die nur tagsüber einige Kinder betreuen, die gar keine Waisen sind. Die eingeworbenen Spenden behalten die Betreiber für sich, bei den Kindern kommen die Spenden überhaupt nicht an. Etliche dieser Häuser, die von den Inhabern nur als Geschäftsmodell betrieben wurden, hat der Staat zuletzt geschlossen.

OP: Ihr habt aber auch das von einer Pastorin unterhaltene Waisenhaus besucht, deren Betreiberin besten Willens ist, alles für die Kinder zu tun. Wie war die Situation in diesem Haus.
Weigel: Schrecklich. Dort gab es nur zwei überforderte Hausmütter für elf Kinder, die alle krank und unterernährt waren. Josephine, die Gründerin dieses Hauses, hatte mit zwei Kindern angefangen. Dann hat sie vom Jugendamt, das ihr absolut vertraut, immer mehr Kinder zugewiesen bekommen. Heute leben neun Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren in einem winzigen Raum mit etwa neun Quadratmetern. Dazu kommen dann noch zwei Babys, von denen wir eins ins Krankenhaus gebracht haben.

OP: Der kleine Hezekiel lag im Sterben, als Ihr das Haus besucht habt. Er hat nur überlebt, weil ihr den Jungen sofort mit dem Taxi in eine Privatklinik gebracht und dort auf Eure Kosten habt behandeln lassen. Wie geht es ihm heute?
Weigel: Sehr gut: Wir haben Kontakt mit dem vergleichsweise gut ausgestatteten Tumaini-Waisenhaus, in das wir Hezekiel nach dem Kliniksaufenthalt gebracht haben. Die Heimleitung hat uns berichtet, dass der Junge zugenommen hat und sich stabiler Gesundheit erfreut.

OP: Du hast in Josephines Waisenhaus das anrührendes Foto von dem stets unter dem Tisch liegenden James gemacht, der immer nur liegen kann, weil seine weichen Knochen seinen Körper nicht tragen können. Wie hast Du diesen Augenblick, der ja so weit weg ist, vom normalen Journalistenalltag, denn ertragen?
Weigel: Ich war den Tränen sehr nahe. Zuvor hatte ich James auf dem Arm. Er fühlte sich an, wie eine Gummipuppe, ein in sich zusammengesunkenes Häufchen Mensch ohne jede Körperspannung. Und das alles nur, weil er keine Milch und damit kein Calcium bekommen hatte. Das Elend hat für mich in ihm ein Gesicht bekommen. Und dennoch gab es auch sehr schöne Momente in diesem Waisenhaus mit den von Mangelschäden gezeichneten Kindern. Denn die Kinder, die zum Teil vom Müllplatz aufgelesen wurden, fühlen sich in der familiären Atmosphäre, die von den beiden Hausmüttern geschaffen wird, sehr wohl und geborgen.

OP: Ihr habt Euch spontan entschlossen, diesem Waisenhaus zu helfen. Was waren Eure ersten Schritte?
Weigel: Wir mussten einfach etwas tun und haben gar nicht groß darüber nachgedacht. Als erstes haben wir mit Josephine für rund 500 Euro Lebensmittel, Medikamente, Windeln und Hygieneartikel eingekauft. Dann haben wir für nur 60 Euro im Monat eine weitere Hausmutter angestellt. Man kann mit wenig Geld viel helfen.

OP: Ihr wollt über ein Spendernetzwerk nachhaltig helfen, was ohne einen professionellen gemeinnützigen Partner nicht geht. Ist dieser inzwischen gefunden?
Weigel: Es haben sich nach der OP-Berichterstattung einige Leser gemeldet, die den Kindern gern helfen möchten. Das DRK Marburg unterstützt uns mit 250 Euro und hat für unser Projekt bereits ein Spendenkonto eingerichtet. Das ist wirklich toll. Damit bekommen Spender dann auch steuerabzugsfähige Spendenquittungen.

OP:
Wie ist der Stand des Waisenhaus-Projekts des Kirchhainer Ehepaars Müller in Mombasa?
Weigel: Das Haus, das sich in einem sehr guten Zustand befindet, wird gerade eingerichtet. Jetzt geht es darum alles zu organisieren, damit Kinder einziehen können. Denn wie wir gesehen haben, wird ein so gut ausgestattetes Heim dringend benötigt. Aber auch das „Shining Orphans“-Heim braucht noch regelmäßige Spender, um eine langfristige Versorgung und eine gute Ausbildung der Kinder garantieren zu können.

OP: Haben Deine Afrika-Erlebnisse Deine Einstellung zum Leben geändert?
Weigel: Ich gehe lockerer mit meinen kleinen Alltagsproblemen um, bin dankbarer für das Leben, dass ich leben darf. Ich fürchte nur, dass das vielleicht nicht lange anhält.

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