Blut, Schweiß und Verzweiflung? Hakuna matata!

 

Seit wenigen Tagen sind wir wieder in Kenia. Einer unserer ersten Wege fuehrte uns – wieder einmal – ins Krankenhaus. Hier der Bericht dazu:

Der beißende Geruch von Urin und Exkrementen sticht in die Nase. Mir wird kurz schwindlig. Fast hätte ich den Mann umgerannt, der mit blutdurchtränktem Hemd vor mir steht. Er hat eine klaffende Wunde am Kopf, Blut rinnt ihm die Wange herab. Auf dem heißen Steinfußboden vor dem Untersuchungsgebäude des Coast General Hospitals sitzen dutzende in grellbunte Tücher gehüllte Frauen. Sie beobachten die Szenerie aufmerksam: Zwei weiße Frauen mit einem schwarzen Kind an der Hand, die beinahe einen schwer verletzten Mann umrennen – ein eher seltener Anblick in einem öffentlichen Krankenhaus in Kenia.

 

Isaac brach sich im Januar den Arm. Jetzt musste der Gips ab - also mussten wir wieder einmal das "Abenteuer Krankenhaus" auf uns nehmen.

Isaac brach sich im Januar den Arm. Jetzt musste der Gips ab - also mussten wir wieder einmal das "Abenteuer Krankenhaus" auf uns nehmen.

Im Februar hatte ein kleiner Sturz große Folgen für Isaac: Der vierjährige Waisenjunge fiel aus dem Bett und brach sich den Unterarm. “In Deutschland hätte man die Fraktur einfach mit Kirschnerdrähten fixiert”, stellt meine Freundin, die deutsche Ärztin Dr. Vera Fleig, fest. Doch in Kenia wird noch gegipst. Nachdem es Josephine Mutysia, der Heimleiterin des Mighty Redeemer Waisenhauses (Miro) in der Unfallnacht gelungen war, Gips zu organisieren – wofür sie in vier Krankenhäusern nachfragen musste – hat man Isaacs Ärmchen von oben bis unten eingegipst. Heute, sechs Wochen später, ist vom Gips nicht mehr viel übrig. In dreckigen Fetzen hängen die Reste an Isaacs Arm herab.

Wir müssen als erstes in den Gipsraum des Coast General Hospitals. In der Mitte des hüfthoch mit weißen Gipsklecksen besprenkelten Zimmers bahnt sich eine Lache aus einer undefinierbaren Flüssigkeit ihren Weg. Auf einer Pritsche sitzt der Arzt. Er lächelt, seine in der Luft baumelnden Beine wippen fröhlich im Takt des an der Decke rotierenden Ventilators. “Sie müssen erstmal ein neues Roentgenbild schießen”, erklärt er uns lachend  und winkt uns wieder hinaus. Oje, das wird nicht lustig, schießt es mir durch den Kopf, als wir den Warteraum der Roentgenabteilung betreten. Überall sitzen Menschen an. (Zum Thema Ansitzen siehe auch „Ansitzen“). Manche warten anscheinend schon länger. Kreuz und quer liegen Menschen auf dem Boden – tief schlafend. “Das kann täuschen”, sagt Josephine, die sich nur zu gut an ihren letzten Besuch im Coast General erinnert. Damals war eine junge Frau, die neben ihr wartete und scheinbar nur friedlich schlief, gestorben. Sitzend. In einer Warteschlange im Krankenhaus.

Obwohl sich in den vergangenen Jahren viel getan hat, ist das kenianische Gesundheitssystem noch immer in einem desolaten Zustand. Laut Gesundheitsministerium kümmerten sich im Jahr 2006 ein Arzt und 49 Pfleger um rund 100.000 Patienten. Im Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt das Verhältnis von einer medizinischen Fachkraft zu 5.000 Patienten. In Kenia fehlen – nach offiziellen Schätzungen – dem Gesundheitssektor derzeit rund 12.000 Fachkräfte. Aufgrund der schlechten Bezahlung und der widrigen Arbeitsbedingungen will kaum noch ein Mediziner in einem der staatlichen Krankenhäuser arbeiten. Viele zieht es in die privaten Krankenhäuser oder in kirchlich getragene Institutionen. Mich wundert das nicht.

Im Coast General herrscht lethargischer Hochbetrieb. Plötzlich kommt Bewegung in die träge Masse wartender Menschen. Zwei Männer bahnen sich ihren Weg durch die auseinanderweichende Menge. In ihren braun-weiß-gestreiften Hemden und Hosen sehen sie aus wie die Daltons aus den Lucky-Luke-Heften – und es sind tatsächlich Sträflinge. Die Männer sind mit Handschellen aneinander gekettet und werden von zwei mit Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten bewacht. Im Wartesaal lähmen 36 Grad Celsius die Geschäftigkeit. Der Gestank aus Blut, Schweiß und Verzweiflung raubt einem den Atem. Isaac ist ganz tapfer. Mit großen Augen beobachtet er seine Umgebung. Die Wartenden sind freundlich. Nachdem sie uns durch unserer  selbst entworfenen “help-for-miro”-T-Shirts als freiwillige Helfer identifiziert haben, nicken uns die Menschen fröhlich lächelnd zu. Ihre Aufmerksamkeit widmet sich nun eh zwei Dingen: Einem Mann, dessen untere Gesichtshälfte von einem Fußballgroßen Tumor entstellt wird – und einer wild schluchzenden Frau. Ihre Schwester ist gerade gestorben. Reihum geben ihr die Wartenden etwas Geld, damit sie die Beerdigung finanzieren kann. Direkt vor dem Coast General Hospital werden an einer Straßenecke selbstgezimmerte Särge verkauft.

Vom Gips befreit - und nach einem Krankenhausmarathon ziemlich fertig: Isaac schlaeft erschoepft auf Veras Schoss.

Vom Gips befreit - und nach dem Krankenhausmarathon ziemlich fertig: Isaac schlaeft erschoepft auf Veras Schoss.

“It”s ok”, befindet nach einer nur fuenfstuendigen Tour durchs Krankenhaus der Arzt auf der Pritsche. Er hat sich Isaacs Roentgenbild noch einmal angesehen und schneidet ihm nun mit einem Rasiermesser den Gips vom Arm. Zwar ist der Knochen ganz offensichtlich schief zusammengewachsen, aber das mache nichts. “Hakuna matata”, sagt der Arzt. „Kein Problem.“

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Eine Antwort zu “Blut, Schweiß und Verzweiflung? Hakuna matata!

  1. Charly Landvogt

    Hallo Nadine, hallo Vera,
    eigentlich müssten mitunter derartige Verhältnisse und Situationen „einen schaffen“! Aber offensichtlich seid ihr beide so stark, dass ihr das aushaltet; ich denke, mich würde das total verrückt machen. Alleine das Lesen bereitet mir Unwohlsein. Tja, es trifft halt immer die schwächsten in einer Kette und das sind Kinder und Jugendliche, eigentlich unsere Zukunft!
    Ich betone es nochmals und immer wieder: Ich habe größe Hochachtung vor Euch und Eurem Engagement für diese Kinder und wir werden Euch auch Weiterhin unterstützen.

    Macht bitte weiter so.

    Liebe Grüße von

    Karin und Charly

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