Endlich den Himmel sehen

Sie wissen nicht, was über ihren Köpfen geschieht. Nur das entfernte Dröhnen einer Boeing lässt die Kinder erahnen, dass da etwas in hunderten Metern Entfernung über sie hinwegfliegt. „Flugzeug, Flugzeug“ rufen die Kleinen aufgeregt. Doch das Flugzeug am Himmel sehen – das können sie nicht. Eine Bauruine über dem Vorplatz ihrer Unterkunft versperrt den 16 Kindern des „Mighty Redeemer“-Waisenhauses in Kiembeni den Blick in das strahlende Blau des kenianischen Himmels.

Sie sehen keinen Himmel. Eine Bauruine über dem Vorplatz des Waisenhauses versperrt den Kindern den Blick nach oben.

Sie sehen keinen Himmel. Eine Bauruine über dem Vorplatz des Waisenhauses versperrt den Kindern den Blick nach oben.

Bald wird sich dies jedoch ändern. Bald können James, Caleb und Co. den Dreck des Vorplatzes, der beim Spielen ihre Haut reizt, hinter sich lassen. Sie können auch das Plumpsklo hinter sich lassen. Und die Mädchen können die Jungs hinter sich lassen, denn im neuen Haus werden Anna, Sarah und Cathrin in einem eigenen Zimmer schlafen. „Es gibt einen Schlafraum für die Mädchen, einen für die Jungen und einen Raum für die Babys, in dem auch die Hausmutter schläft“, erklärt meine Freundin, die deutsche Ärztin Dr. Vera Fleig. Gemeinsam mit Josephine Mutisya, der Leiterin des „Mighty Reedemer“-Waisenhauses, haben wir ein Haus gefunden, in das die Kindern bald umziehen werden.

Völlig erschöpft sitzt Vera auf der Veranda des neuen Hauses. Bald sollen die Kinder in die bessere Unterkunft umziehen.

Völlig erschöpft sitzt Vera auf der Veranda des neuen Hauses. Bald sollen die Kinder in die bessere Unterkunft umziehen.


Zumindest hoffen wir das. „Hakuna Matata“ ist das erste, was ein Kenia-Urlauber in der Landessprache Swahili lernt. Es bedeutet „kein Problem“. Allerdings ist bei diesem Ausspruch Vorsicht geboten, wie uns wieder einmal klar wird. Denn „Hakuna Matata“ hat auch der Besitzer des neuen Hauses gesagt, als er versprach, sofort das Tor zu reparieren, die Mauer höher zu ziehen und ein Sonnendach anzubringen. Doch bisher ist nichts geschehen. Was also „Hakuna Matata“ angeht, macht uns Kenia ziemlich fertig. In Deutschland sagen einem die Handwerker wenigstens, dass es ewig dauert, bis sie anrücken können.

Josephine jedoch ist zuversichtlich: „Es wird schon alles gut werden“, sagt die Heimleiterin. Eine Küche, drei Bäder und ein Hauptraum gehören genauso zum neuen Haus wie auch ein großer Vorplatz zum Spielen und ein kleiner Garten, in dem bereits zwei Bananenstauden wachsen. „Dieses Haus ist eine echte Verbesserung“, meint Sebastian Krog, ein freiwilliger Helfer aus Dänemark. Er findet es „krass“, dass wir die 170 Euro Monatsmiete für das Haus übernehmen und darauf vertrauen, dass sich genügend Spender für das Projekt finden. Schließlich brauchen wir rund 500 Euro monatlich, um die Kinder einigermaßen zu versorgen. Aber Sebastian lässt sich vom deutschen Enthusiasmus anstecken. Er legt mit uns zusammen: Für knapp 250 Euro schaffen wir vier neue Doppelstockbetten an, weil die alten Metallbetten praktisch unbenutzbar sind.

Ein neues Bett im neuen Haus: Die Mädchen werden bald ihr eigenes Schlafzimmer bekommen.

Ein neues Bett im neuen Haus: Die Mädchen werden bald ihr eigenes Schlafzimmer bekommen.

Während im neuen Haus die Vorbereitungen für den Umzug auf Hochtouren laufen, machen die Kinder im alten Haus eine aufregende Erfahrung: Zähneputzen. Die Zahnklinik Marburg sponserte Kinderzahnbürsten und Zahnpasta. „Eine tolle Sache“, freut sich Vera. Zahnbürsten können viele Menschen in Kenia einfach nicht bezahlen. Jeder zweite Kenianer lebt unter der Armutsgrenze. Ein durchschnittlicher Kenianer muss von einem Euro am Tag leben – Zahnbürsten sind allerdings teurer als in Europa. Auch Josephine hätte es sich kaum leisten können, pro Kind drei Euro für eine Zahnbürste auszugeben. Karies und Zahnfleischentzündungen sind dann die Folge.

Ein neues Erlebnis: beim Zähneputzen hatten die Kinder riesigen Spaß.

Ein neues Erlebnis: beim Zähneputzen hatten die Kinder riesigen Spaß.


„Mami, Mami, schau mal!“, rufen die Kinder ganz aufgeregt, als sie Veras Anweisungen zum korrekten Zähneputzen folgen. Jedes der Kinder will „seiner Mami“ zeigen, wie toll sauber ihre Zähne nun sind. Josephine überprüft lachend das Ergebnis und beschriftet die Zahnbürsten mit den Namen ihrer kleinen, stolzen Besitzer. Selbst für die Kinder, die erst seit kurzem im Heim leben, ist Josephine zu einer Art Ersatzmutter geworden. Die 40-Jährige hat einen Zugang zu den traumatisierten Kindern gefunden, die in ihrem jungen Leben bereits viel durchmachen mussten. Einige verloren ihre Eltern, einige wurden in den Straßen Mombasas ausgesetzt oder auf Müllkippen geworfen, einige wurden missbraucht und misshandelt, einige haben gehungert.

Lucy Hall schnippelt Bohnen. Die Engländerin arbeitete sechs Wochen als Freiwillige im Waisenhaus in Kiembeni und kann sich nur schwer von den Kindern trennen.

Lucy Hall schnippelt Bohnen. Die Engländerin arbeitete sechs Wochen als Freiwillige im Waisenhaus in Kiembeni und kann sich nur schwer von den Kindern trennen.

„Josephine gibt ihnen die Stabilität, die sie brauchen“, sagt Lucy Hall. Die 18-jährige Engländerin half sechs Wochen lang freiwillig im Waisenhaus mit. „Es ist ein tolles Heim, das finanzielle Unterstützung braucht und auch verdient“, findet Lucy. Der Abschied von den Kindern fällt ihr schwer, sie kämpft mit den Tränen. Doch Lucy freut sich auch über die kleinen Erfolge. „Leah geht es viel besser als zu Beginn meines Aufenthaltes“, sagt die Engländerin. Das anderthalbjährige Mädchen war extrem unterernährt, als es von der Polizei auf einem Markt gefunden wurde. Josephines Versuche, das Kind aufzupäppeln scheiterten an Leahs chronischer Lungenkrankheit. Sie aß, nahm aber kaum zu.

Nur 6,2 Kilogramm brachte die anderthalbjährige Leah auf die Waage. Dank Antibiotika-Therapie geht es ihr besser.

Nur 6,2 Kilogramm brachte die anderthalbjährige Leah auf die Waage. Dank Antibiotika-Therapie geht es ihr besser.


Laut Unicef sind in Afrika vor allem unterernährte Kinder von Infektionskrankheiten betroffen. Jedes achte Kind in Kenia stirbt vor seinem fünften Lebensjahr. Vor gut einer Woche waren wir mit Leah im Krankenhaus. Sie war apathisch, bekam schlecht Luft, ihre Lungen rasselten hörbar. Heute geht es ihr sichtlich besser. Sie spielt mit ihrer Zahnbürste und lacht. „Die Antibiotika-Therapie zeigt mittlerweile anscheinend Wirkung, die Lungenentzündung klingt ab“, stellt Ärztin Vera erfreut fest und beobachtet, wie sich Leah zum ersten Mal aus eigener Kraft an einem Stuhl hochzieht.Wir alle hoffen, dass sich ihr Gesundheitszustand weiter verbessert. Wir hoffen, dass sie vielleicht sogar bald durch den Garten des neuen Waisenhauses in Kiembeni toben kann – und dabei in das strahlende Blau des kenianischen Himmels schaut.

Leah geht es besser. Die Lungenentzündung ist abgeklungen. Sie lacht, als Vera sie kitzelt.

Leah geht es besser. Die Lungenentzündung ist abgeklungen. Sie lacht, als Vera sie kitzelt.

Hier nochmal die Daten des DRK-Sonderkontos für die Waisenkinder in Kiembeni:

Kontonummer: 11009212
Sparkasse Marburg-Biedenkopf
BLZ: 533 500 00
Verwendungszweck: Waisenhaus Kiembeni, Kenia

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2 Antworten zu “Endlich den Himmel sehen

  1. Hallo Nadine und Vera,
    beim Lesen Eurer Berichte kann man sofort erkennen, wie happy ihr seid über alle possitiven Änderungen, die sich in dem Waisenhaus andeuten bzw. im Werden sind. Toll, dass es noch Menschen gibt, die sich über so etwas überhaupt freuen und die dann auch noch was tun.
    Weiterhin ganz viel schöne Stunden, die Ihr in den Kinderaugen sehen könnt!
    Alles Liebe und Gute

    Karin & Charly

  2. Liebe Vera, liebe Nadine,
    wir, Arnold und Monika (Vera’s Eltern) sind unheimlich stolz auf
    Euch zwei. Die Welt könnt Ihr nicht ändern, aber da, wo Ihr Euch
    engagiert, da passiert etwas Positives und deshalb: Bleibt so wie
    Ihr seid und macht weiter!
    Liebe Grüße aus dem Schwarzwald
    Papa und Mama

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