Kleine Schritte in ein besseres Leben

James hat bei jedem Schritt Spass, denn noch vor wenigen Monaten konnte er nicht laufen, weil seine Knochen aufgrund von Vitamin D- und C-Mangel wie aus Gummi waren.

James hat bei jedem Schritt Spass, denn noch vor wenigen Monaten konnte er nicht laufen, weil seine Knochen aufgrund von Vitamin D- und Calciummangel wie aus Gummi waren.

Stolz setzt er einen Fuß vor den anderen. Macht einen Schritt, dann einen nächsten, erhöht das Tempo und läuft schließlich laut lachend hinaus in die Sonne. James läuft als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Doch in seinem Fall ist es das nicht. Im Februar konnte James noch nicht laufen. Er konnte nicht stehen und nur schlecht sitzen – obwohl er schon fast drei Jahre alt war. James lag tagein tagaus unter dem Tisch in dem kleinen Waisenhaus in Kiembeni. Seine Wange ruhte dabei stets auf dem Steinfußboden.

Noch im Februar konnte James nur auf dem Bauch liegen, weil seine Knochen nicht stark genug waren. Dank der Hilfe der OP-Leser geht es ihm nun besser.

Noch im Februar konnte James nur auf dem Bauch liegen, weil seine Knochen nicht stark genug waren. Dank der Hilfe der OP-Leser geht es ihm nun besser.

James kann nicht nur laufen, er kehrt sogar schon. Lachend haelt der Kleine einen Besen in der Hand.

James kann nicht nur laufen, er kehrt sogar schon. Lachend haelt der Kleine einen Besen in der Hand.


Im “Mighty-Redeemer“-Waisenhaus in Kiembeni gab es keinen Strom, kein fließendes Wasser. Die Kinder hatten kaum zu Essen – und trotzdem bekam Hausmutter Josephine Mutisya immer mehr Kinder vom Jugendamt gebracht. Viele von ihnen waren krank, alle schwer traumatisiert. Das Jugendamt brachte zum Beispiel drei Geschwister nach Kiembeni, die auf der Strasse lebten und misshandelt und missbraucht wurden. Der kleine Zacharias wurde auf einer Müllkippe aufgefunden. Wie James litt auch Zacharias an Rachitis, einer durch Calcium- und Vitamin D-Mangel verursachten Knochenkrankheit. Es war kein Geld für Milch vorhanden, deshalb waren die Knochen der beiden Jungen noch im Februar wie aus Gummi. Heute sind ihre Knochen stark, und James und Zacharias laufen um die Wette.

“Ich bin positiv überrascht, wie schnell sich ihr Zustand verbessert hat”, sagt meine Freundin, die Ärztin Dr. Vera Fleig. Seit März war Heimleiterin Josephine in der Lage, die Waisenkinder gesund zu ernähren – dank der finanziellen Unterstützung aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf. Denn nach unserem ersten Aufenthalt in Kiembeni beschlossen wir, den Kindern zu helfen. Auch einige OP-Leser wandten sich an uns, weil sie die Waisen unterstützen wollten. Das DRK Marburg eröffnete schließlich ein Sonderkonto zugunsten der Waisenkinder in Kiembeni.

Das schmeckt: Mit den Haenden essen die Kinder ihr Ugali - Maisbrei - und Spinat.

Das schmeckt: Mit den Haenden essen die Kinder ihr Ugali - Maisbrei - und Spinat.

Mittagessen: Nacheinander holen sich die Kinder ihre kleinen bunten Plastikstühle, die übereinander gestapelt in der Ecke stehen. Die Älteren wie die zehnjährige Anna und der gleichaltrige Bob helfen dabei den Kleinen, die Stühle und Tische im Hauptraum aufzustellen. Dann geht Anna mit einem Bottich voll Wasser von Tisch zu Tisch, damit sich ihre kleinen Brüder und Schwestern die Hände waschen können. “Chakula nzuri (Leckeres Essen)”, ruft Hausmutter Anna Emoit grinsend und balanciert dabei ein mit Tellern beladenes Tablett. Aus der Küche lugt ein dunkelblonder Schopf hervor. Sebastian Krog, ein freiwilliger Helfer aus Dänemark, lernt dort gerade von Josephine, wie man das traditionelle Brot “Chapati” zubereitet. Die beiden kneten den Teig mit den Händen. Der 20-jährige Sebastian ist einer von zehn Freiwilligen aus der ganzen Welt, die in diesem Jahr jeweils für mehrere Wochen im Waisenhaus mitgeholfen haben. “Die Kinder sind total lieb, aber so zu leben ist für jemanden aus der westlich zivilisierten Welt echt krass”, findet der Däne und wischt sich mit einem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

Sebastian Krog streicht den Brotteig ein. Der Daene hilft auf freiwilliger Basis einige Wochen im Waisenhaus mit.

Sebastian Krog streicht den Brotteig ein. Der Daene hilft auf freiwilliger Basis einige Wochen im Waisenhaus in Kiembeni mit.

Es ist drückend heiß in Kiembeni. Deshalb macht auch Lehrerin Beatrice Portia, die seit einigen Monaten täglich ins Heim kommt, heute draußen Unterricht. “A is for Apple, B is for Ball”, rufen die Kinder im Chor – und selbst der dreijährige Paul macht mit, bis es ihm und dem gleichaltrigen Emmanuel doch zu langweilig wird – und die beiden lauthals lachend zurück ins Haus rennen. Drinnen an der Wand hängen viele bunte Plakate. Darauf sind Früchte und Alltagsgegenstände mit ihrer englischen Bezeichnung gemalt.

Emmanuel hat keine Lust auf Schule: Waehrend die anderen Kinder mit der Lehrerin unter der Waescheleine auf dem Vorplatz sitzen, laechelt der Dreijaehrige in die Kamera.

Emmanuel hat keine Lust auf Schule: Waehrend die anderen Kinder mit der Lehrerin unter der Waescheleine auf dem Vorplatz sitzen, laechelt der Dreijaehrige in die Kamera.

Gerne würde Josephine alle Kinder in eine richtige Schule schicken – doch für Schulbildung fehlt ihr momentan noch das Geld. Lediglich Anna und Bob gehen in eine Schule. Drei weitere Kinder sollen nun bald in die erste Klasse eingeschult werden. Bis dafür Sponsoren gefunden sind, werden die Kinder täglich zu Hause unterrichtet. Wir sind überrascht, wie viele Lieder die Kinder auswendig können. Noch im Februar war es ziemlich still im Waisenhaus in Kiembeni. Nun singen die Kleinen auf Swahili, Englisch und sogar Französisch. Sarah ist die eifrigste Sängerin. Bei jeder Gelegenheit stimmt die Sechsjährige ein Lied an – und die anderen Kinder singen und tanzen, klatschen und hüpfen begeistert mit.

Singen mit Mami: Wir sind ueberrascht, wie viele Lieder die Kinder kennen. Da mus auch Heimleiterin Josephine Mutisya trotz Hitze natuerlich mittanzen.

Singen mit Mami: Wir sind ueberrascht, wie viele Lieder die Kinder kennen. Da mus auch Heimleiterin Josephine Mutisya trotz Hitze natuerlich mittanzen.


Seit Februar hat sich im Waisenhaus in Kiembeni viel verbessert. “Josephine hat sich an die Tipps gehalten, die wir ihr gegeben haben. Es gibt einen Ernährungsplan und einen strukturierten Tagesablauf.”, freut sich Vera. Die Kinder, die schon länger in Josephines Obhut leben, sind wohlgenährt. Josephine und ihre mittlerweile 16 Schützlinge sind Mitte des Jahres aus dem alten Haus ausgezogen. Die neue Unterkunft ist zwar etwas besser – sie ist groesser, es gibt Strom und Wasser, doch noch immer sind die Lebensbedingungen von “gut” weit entfernt. 13 Kinder teilen sich ein kleines Zimmer zum Schlafen, lediglich die drei Babys schlafen mit der Hausmutter in einem anderen Raum. Die Toilettenspülung funktioniert nicht, es gibt keine Dusche – die Kinder werden draußen im gleichen Bottich gebadet, den Hausmutter Anna Emoit zum Wäschewaschen benutzt.
Hausmutter Anna waescht in einem Bottich die Waesche der Kinder. Abends badet sie darin die Kinder selbst, weil es keine Dusche im Haus gibt.

Hausmutter Anna waescht in einem Bottich die Waesche der Kinder. Abends badet sie darin die Kinder selbst, weil es keine Dusche im Haus gibt.

Das Haus gleicht einer Bauruine. Eine marode Treppe ohne Geländer führt hinauf zu einem Stockwerk, dessen Bau einfach abgebrochen wurde. Die Kinder spielen draußen in einer Mischung aus Sand und Dreck. Selbst ich bekomme nach einer Weile juckenden Ausschlag an den Füßen, weil ich mit den Kindern barfuss auf dem Platz herumtobe. “Ich weiß, dass es nicht gut für die Haut ist, aber sie müssen doch auch mal raus”, entschuldigt sich die 40-jährige Heimleiterin und cremt Isaaks wunde Hände ein, der besonders gern im Dreck spielt.

Auch James spielt gern draussen. Doch die einzige Moeglichkeit dazu gibt es auf dem Vorplatz und der ist eine dreckige Baustelle. Der Sand reizt die Haut und loest Allergien aus.

Auch James spielt gern draussen. Doch die einzige Moeglichkeit dazu gibt es auf dem Vorplatz und der ist eine dreckige Baustelle. Der Sand reizt die Haut.


Uns ist schnell klar, dass die Kinder hier nicht bleiben können. Es ist zu gefährlich, zu klein und ungesund. “Die Kinder müssen hier raus” – da sind Vera und ich uns einig. Also machen wir uns kurzerhand auf die Suche nach einem neuen Haus, damit die Waisenkinder eine Chance auf ein besseres Leben bekommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s