“Dem Kind geht es nicht gut”

Protokoll eines afrikanischen Krankenhaus-Besuches – Teil 2

11.52 Uhr: Unser Taxi holpert mit einem Platten um die Ecke – und auf einen Stapel mit dutzenden Autoreifen zu. Drei Männer beziehen mit bloßen Händen eine Felge mit einem Reifen. Drei andere “Mechaniker” eilen uns zur Hilfe und debattieren darüber, was nun mit unserem platten Reifen passieren soll. Hakuna Matata – kein Problem – auf einem Holzkarren wird eine mannshohe Druckluftflasche herangeschafft, die unseren Reifen sogleich wieder fahrtüchtig macht.

12.20 Uhr: Ohne weitere Zwischenfälle kommen wir mit der anderthalbjährigen Leah, die stoßweise, mit einem hörbaren Rasseln in der Lunge atmet, im Mewa-Hospital an. An der Anmeldung empfängt man uns mit skeptischen Blicken. Wir sagen unser Sprüchlein wieder auf: “Nein, das ist nicht unser eigenes Kind. Das Mädchen wurde ausgesetzt, hat keine Eltern mehr und lebt in einem Kinderheim”. Wieder wird der Name des Kindes per Hand in ein dickes Notizbuch eingetragen, dann bekommen wir einen Zettel in die Hand gedrückt.

12.23 Uhr: Mit dem Zettel müssen wir bezahlen. 1,50 Euro kostet es, damit man sich im Privatkrankenhaus in die Warteschlange setzen darf. Ventilatoren an der Decke verteilen die schwüle Luft. Leah hustet stark.

12.45 Uhr: Wir warten.

13 Uhr: Wir warten.

13.30 Uhr: Wir warten immer noch.

14 Uhr: “Leah”, ertönt es plötzlich im hinteren Eck. Wir folgen einer Krankenschwester, nennen wir sie Krankenschwester Nr. 1, in ein Zimmer, in dem eine völlig in schwarz gehüllte Frau sitzt. Durch einen kleinen Schlitz blicken uns freundliche Augen an. Eine Krankenschwester, nennen wir sie Krankenschwester Nr. 2, misst der Muslima den Blutdruck. Ich lege Leah in eine Metallwaage – nur 6,2 Kilo wiegt das unterernährte Mädchen. “Dem Kind geht es nicht gut”, schlussfolgert Krankenschwester Nr. 2 ganz richtig. Krankenschwester Nr. 1 steckt Leah ein Quecksilber-Fieberthermometer unter ihr dünnes Ärmchen. Ergebnis: Fieber hat das Mädchen nicht.

14. 15 Uhr: Wir warten wieder.

14.20 Uhr: Wir füttern Leah, die mit großen Augen apathisch das Geschehen um sie herum verfolgt. Es ist brüllend heiß, allen im Wartezimmer läuft der Schweiß.

14.35 Uhr: Ui, das ging flott: Krankenschwester Nr. 3 ruft uns in ein Untersuchungszimmer, in dem eine Ärztin Zeitung liest. Vera erläutert ihr die Krankengeschichte, wird aber jäh unterbrochen, als vom gegenüberliegenden Minarett das melodische Rufen eines Muezzins erklingt. Scheinbar ist die Ärztin daran gewöhnt, denn nun legt sie die Zeitung weg und hört mit einem Stethoskop Leahs Lunge ab. “Hmm… hört sich nicht gut an”, sagt sie und schaut das Mädchen lange Zeit an. Dann weist sie uns daraufhin, dass es “dem Kind nicht gut geht“. Bevor sie uns rausschickt, gibt sie uns drei Zettel. Einen für die Blutuntersuchung, einen für die Röntgenuntersuchung und eine – welch Überraschung – Rechnung für die nun folgenden Untersuchungen.

14.40 Uhr: Im Kassenhäuschen neben der Anmeldung zahlen wir 55 Euro. Anschließend warten wir wieder.

15 Uhr: Wir wickeln Leah und tupfen ihr den Schweiß von der Stirn.

15.30 Uhr: Die vorbeischlurfende Krankenschwester Nr. 4 nimmt uns mit in ein kleines Zimmer, um Leah Blut abzunehmen. Sie sagt: “Dem Kind geht es nicht gut”. Sie schaut sich die Arme des Mädchens an und verschwindet für lange Zeit im Nebenraum. Nach gut 15 Minuten kehrt sie zurück und teilt uns mit, dass sie kein Blut abnehmen kann und ihre Kollegin, die dazu in der Lage ist, jetzt beschäftigt sei. Als Vera anbietet, dass sie als Ärztin doch auch selbst Leah Blut abnehmen könne – und zwar an der gut sichtbaren Armvene, wird sie barsch darauf hingewiesen, dass dies ein Privatkrankenhaus sei und hier genug “gut ausgebildetes Personal” zur Verfügung stehe.

15.50 Uhr: Wir warten.

16.10 Uhr: Krankenschwester Nr.2 nimmt unseren zweiten Zettel, auf dem ausführlich eine Blutprobe angeordnet wurde. Sie bringt uns zu einem Arzt, der bei Leah in der Leiste Blut abnimmt. Sie schreit.

16.20 Uhr: Krankenschwester Nr. 1 nimmt uns mit in einen Raum voller unidentifizierbare Gerätschaften aus Metall. An einem Tisch bereitet eine Frau in einem weißen Kittel Stuhlproben auf. Neben ihr macht eine Schwester Pause und isst eine Banane. Krankenschwester Nr. 3 schaut Leah an, sagt “dem Kind geht es nicht gut ”und piekst Leah für den Tuberkulosetest in den Unterarm. Sie weint.

16. 40 Uhr: Wir laufen über den Hof zur Röntgen -Untersuchung und warten anschließend.

16.50 Uhr: Krankenschwester Nr. 4 führt uns in den Röntgensaal, der für afrikanische Verhältnisse sehr gut ausgestattet ist. “Dem Kind geht es nicht gut”, erklärt sie noch einmal. Leah, die apathisch schaut und stoßweise atmet, bleibt regungslos liegen, als das Metallgerät ein Bild von ihrer Lunge schießt.

17.10 Uhr: Wir warten und füttern Leah.

17.20 Uhr: Krankenschwester Nr. 5, es ist die Oberschwester, schlurft an uns vorüber, stoppt und erklärt, dass es “dem Kind nicht gut geht”. Ich bin kurz davor, aufzuspringen und ganz laut: “Echt? Das ist ja unglaublich, ich dachte, sie wäre kerngesund” zu schreien, kann mich aber gerade noch so zurückhalten.

17.40 Uhr: Krankenschwester Nr.2 führt uns in einen Untersuchungsraum, in dem schon ein Junge wartet. Doch, das ist angeblich der Arzt. Der Mensch, der mir da gegenüber sitzt, kann unmöglich älter als 15 Jahre alt sein, schießt es mir durch den Kopf. Doch der Junge hat als Zeichen seiner medizinischen Volljährigkeit ein Stethoskop um den Hals baumeln. “Dem Kind geht es nicht gut”, erklärt er – und ich spiele mit dem Gedanken, ihm für diese bahnbrechende Erkenntnis einen Orden zu überreichen. Er schickt uns zu einem Ernährungsberater.

17.50 Uhr: Wir warten.

18 Uhr: Krankenschwester Nr.7 führt uns zum Ernährungsberater. Der schaut sich Leah an, kramt ein Lineal hervor, mit dem er Leahs Oberarm vermisst. Umständlich wickelt er ein Messband um Leahs dünnes Ärmchen und stellt fest: “Dem Kind geht es nicht gut.” Ich bin kurz davor zu heulen. Wie jedes einzelne Mal bei der Feststellung, dass es “dem Kind nicht gut geht“, erklären wir, dass sie erst seit kurzem im Kinderheim wohnt, vorher auf einem Markt halb verhungert gefunden wurde, seither aber sehr gut isst, jedoch aufgrund ihrer anscheinend chronischen Lungenerkrankung kein Gewicht zulegt. Der Ernährungsberater hört sich unserer Geschichte an und sagt dann: “Das Kind ist unterernährt.” Er persönlich empfehle in diesem Fall folgendes: Man nehme Haferflocken, Bananen, Oel, Zucker und ein rohes Ei – mische das Ganze und füttere das unterernährte Kind damit alle 3 Stunden. Wir bedanken uns für den Tipp, bei 36 Grad im Schatten einem kranken Kind ein rohes Ei zu füttern – und verabschieden uns.

18.20 Uhr: Wir warten, schwitzen und füttern Leah, die stoßweise atmet und apathisch schaut.

18.40 Uhr: Krankenschwester Nr.8 sagt uns Bescheid, dass die Blutprobe von Leah irgendwie verloren ging. Nun müsse man ihr noch einmal in die Leiste stechen.

18.50 Uhr: Krankenschwester Nr. 5 führt uns zu einem anderen Arzt. Der wirft einen Blick auf Leah und sagt… na, was wohl… dass es “dem Kind nicht gut geht”. Er schlägt vor, zur Behandlung der Lungenentzündung Antibiotika zu geben. Nachdem Vera ihm erklärt, dass Leah ja bereits erfolglos eine Antibiotika- Therapie im öffentlichen Krankenhaus erhalten hat und es daher sinnvoll wäre das Medikament zu wechseln, sieht er uns lange Zeit schweigend an. Dann geht er hinüber in die Apotheke und fragt, ob es dort die benötigten Antibiotika gebe. Er kommt mit guten Nachrichten zurück: Beide Mittel sind noch vorhanden.

19 Uhr: Bevor wir die Medikamente mitnehmen können, müssen wir ans Kassenhäueschen. Zahlen. Wir sind nassgeschwitzt, total kaputt – und Leah geht es nicht gut.

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