Wir rutschen vorwärts

Protokoll eines afrikanischen Krankenhaus-Besuchs – Teil 1:

Hand auf Hand ins Krankenhaus.

Hand auf Hand ins Krankenhaus.


9 Uhr:
Hier ist Warten angesagt. In der Bamburi Klinik herrscht Hochbetrieb. In dem Gebäude, das optisch eher einer Markthalle gleicht, tummeln sich dutzende Menschen. Wir haben die beiden Waisenkinder aus Kiembeni Caleb (3 Jahre) und Leah (1,5Jahre) dabei. Sie sollen auf HIV getestet werden.

9.30 Uhr: Eine nette Dame zeigt uns, wo wir uns “Ansitzen” sollen. In afrikanischen Krankenhäusern stellt man sich nicht an – man sitzt. Also setzen auch wir uns ans Ende einer Schlange aus Frauen, die mit Babys auf den Armen auf einer langen Holzbank hocken. Wir sind an 17. Stelle dran.

9.31 Uhr: Meine Begleiterin, die deutsche Ärztin Frau Dr. Vera Fleig, verbietet mir, Fotos zu machen – in solch einer Klinik gehöre sich das nicht.

9.40 Uhr: Während man in Deutschland einen Arztbesuch meist lediglich frisch geduscht absolviert, macht man sich in Afrika zudem noch sehr, sehr schick. Diese Tradition steht im krassen Kontrast zur extremen und meist auch ziemlich dreckigen Realität Afrikas. Durch die nicht vorhandene Tür des Krankenhauses weht der Gestank von verbranntem Müll. Das dicke Kind zu unserer Rechten trägt ein Kleidchen aus bordeauxfarbenen Satin mit einer beigefarbenen Rose aus Tüll am Kragen. Die Temperatur im Markthallen-Krankenhaus beträgt gut 36 Grad. Auch das Satin-Tüll-Kind schwitzt.

Ein kleiner Blick ausm Taxi auf der Fahrt in die Klinik.

Blick aus dem Taxi auf der Fahrt in die Klinik.

10 Uhr: Es geht zügig voran. Wir rutschen vorwärts. Am Kopfende der langen Bank sitzen zwei Frauen an einem Tisch. Vor ihnen steht eine Kühlbox und eine rostige Waage. Immer wenn sie ein Mutter-Kind-Paar erreicht, rutscht der ganze Tross – wir inklusive – ein paar Zentimeter vorwärts. Das Baby zwei Plätze neben uns, ist erst vor wenigen Stunden geboren, es hat auf dem Kopf noch etwas von der Plazenta kleben. Seine Mutter hatte das Baby mit einem großen Tuch auf den Rücken gebunden und war mit ihm durch die halbe Stadt gelaufen, um es hier untersuchen zu lassen. Eine der Damen am ersehnten Ende der Schlange nimmt eine Spritze aus der Kühlbox.

10.10 Uhr: Auf der parallel uns gegenüberstehenden Bank bemerkt eine der Mütter zu spät, dass es zu spät ist: Ein großer Strahl Urin ihres nicht richtig gewickelten Säuglings ergießt sich über die Bank und tröpfelt auf den Boden. Das Satin-Tüll-Kind heult. Wir rutschen weiter.

10.20 Uhr: Wir sind bei den Kühlbox-Damen angekommen. Lachend informieren sie uns darüber, dass wir auf der falschen Bank entlanggerutscht sind. Sie schicken uns ans Ende der Halle zu einer anderen Bank. Wieder sind wir die Letzten.

10.30 Uhr: An der Wand vor dem HIV-Test-Zimmer hängt ein vergilbtes Aufklärungsposter. Es zeigt einen Mann und eine Frau, die in einem überdimensionalen Kondom stehen.

10.45 Uhr: Das ging schnell – wir sind schon dran. In dem winzigen HIV-Test-Zimmer sitzt eine junge Frau, die mit ihrem Handy spielt. “Sind das Ihre Kinder?”, fragt sie uns, ohne von ihrem Handy aufzublicken. Es wird an diesem Tag nicht das letzte Mal sein, dass uns diese Frage gestellt wird. In ein mindestens 500 Seiten starkes Notizbuch trägt die Handy-Frau die beiden Vornamen unserer Waisenkinder ein, die ja keinen Nachnamen haben. Stattdessen heißen Caleb und Leah nun mit Nachnamen “Redeemer, weil sie aus dem “Mighty Redeemer”-Waisenhaus in Kiembeni kommen. Das Geburtsdatum unserer Kinder kennen wir nicht, was in Afrika aber ganz normal ist. Hat man als kenianischer Staatsbürger genug Kleingeld, kann man sich einen Personalausweis abholen. Bei dieser Gelegenheit kann man sich gleich ein Geburtsdatum mit aussuchen.

10.50 Uhr: Die Handy-Frau streift sich Latexhandschuhe über und kramt zwei HIV-Tests hervor. Mit einer kleinen Nadel piekst sie Leah in den Mittelfinger, die sofort anfängt zu weinen. Das Blut träufelt die Frau auf den Teststreifen. Caleb weint nicht, als er gepiekst wird. Er schläft.

11.00 Uhr: Die Frau schaut wieder auf ihr Handy und murmelt “fertig”. Sie teilt uns mit, dass beide Kinder “negativ” sind und entlässt uns zurück in die sich weiter füllende “Markthalle”. Ich bin enttäuscht. Ich hätte mir den Moment, in dem verkündet wird, dass die beiden Kinder gesund sind, irgendwie ein bisschen feierlicher vorgestellt.

Ziemlich unspektakulaer: Diese beiden Streifen zeigen, dass die Kinder nicht mit dem HI-Virus infiziert sind.

Ziemlich unspektakulär: Diese beiden Streifen zeigen, dass die Kinder nicht mit dem HI-Virus infiziert sind.

11.20 Uhr: Von wegen gesund. Wir haben beschlossen, Leah in ein anderes Krankenhaus zu bringen. Die Lungen des anderthalb Jahre alte Mädchens rasseln hörbar. Sie hustet. Leah lebt seit 3 Monaten im Waisenhaus in Kiembeni. Die Polizei fand das völlig unterernährte Mädchen auf der Straße. Das Jugendamt brachte Leah ins Waisenhaus in Kiembeni. Sie war in einem öffentlichen Krankenhaus in Behandlung – ohne nennenswerte Erfolge. Sie isst sprichwörtlich wie ein Scheunendrescher, nimmt aber nicht zu. Mit anderthalb Jahren wiegt sie lediglich sechs Kilo.
Also bringen wir Leah nun in ein Privatkrankenhaus.

11.30 Uhr: Unser Taxi springt nicht an. Wir müssen es anschieben. Doch ich komme nicht raus, meine Tür klemmt. Vera ist nicht mehr aufzuhalten und schiebt allein. Die Tatsache, dass sein Auto von einer deutschen Ärztin angeschoben wird, amüsiert unseren Taxifahrer köstlich. So sehr, dass er die Anekdote anschließend bei jeder Gelegenheit erzählen wird.

11.32 Uhr: Unser Taxi fährt. Vera sei Dank.
11.40 Uhr: Eine Frau, die einer anderen Frau am Straßenrand die Haare kämmt, winkt uns zu.
11.45 Uhr: Ein Mann, der einen mit Wasserkanistern vollbeladenen Karren zieht, winkt uns zu.
11.50 Uhr: Ein Mann, der Beutel mit Zuckerrohr am Straßenrand verkauft, klärt uns auf, warum uns so viele Menschen freundlich zuwinken: Unser Taxi hat einen Platten.

Fortsetzung folgt

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2 Antworten zu “Wir rutschen vorwärts

  1. Auch wenn die Umstände traurig und die Verhältnisse über die berichtet wird Besorgniss erregend sind, finde ich die blumige Sprache der Reportage spannend und „witzig“. Es ist interessant und fordert so zum weiterlesen auf
    Das Ziel, Aufmerksamkeit für die Schicksale der Kinder zu erwecken, wird
    damit super gut erreicht.
    Freue mich schon auf morgen oder übermorgen um zu lesen was die beiden weiter tun können um zu helfen. Selbstverständlich werden wir, wie im Frühjahr, eine Spende leisten, weil wir hautnah erfahren wie sie ankommt und hilft das Leid ein wenig zu lindern. E+R Dersch

  2. Karin & Charly Landvogt

    Hallo Nadine, hallo Vera (dürfen wir doch sagen?), wir sind a) sehr betroffen von dem, über das ihr gerade schreibt, aber b) hoch erfreut darüber, daß es noch Menschen gibt, denen diese Verhältnisse absolut nicht egal sind und desegen c) etwas tun!!! Leider tut die Masse viel zu wenig bzw. meistens garnichts. Eigentlich ist es beschämend für eine Gesellschaft, daß nur der schnöde „Mammon“ existentiell ist, aber die Armut (ich meine die richtige Armut) geflissentlich übersehen wird!
    Leider kann ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so, wie ich es eigentlich tun möchte bei all dem Elend, aber vielleicht (eigentlich bin ich mir vollkommen sicher!) hilft uch eine weitere Spende von uns; tun wir sehr gerne.
    Liebe Grüße

    Karin & Charly

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