Er isst, er lacht, er lebt

Als wir ihn das erste Mal sahen, lag er im Sterben. Jetzt lacht er. Strahlt von einem Ohr zum anderen. Ich hebe ihn hoch in die Luft und er gluckst vor Freude. Leicht fällt mir das Heben nicht, denn Baby Hezekiel ist ein wahrer Wonneproppen. Er hat feiste Bäckchen, ein wohlgenährtes Bäuchlein und ziemlich speckige Ärmchen. Nichts an diesem dicken Baby erinnert an die dramatischen Umstände, unter denen wir es vor rund acht Monaten auffanden. Im Februar wog das damals fast vier Monate alte Baby gerade einmal drei Kilo. Es hatte eingefallene Wangen, einen vor Hunger aufgeblähten Bauch und tief in dunklen Höhlen liegende Augen, die stumpf durch uns hindurchsahen.

Hezekiel hat sich praechtig entwickelt. Der Kleine ist so schwer, dass ich ihn kaum hochheben kann.

Rückblick: In unserem ersten Urlaub in Kenia vor acht Monaten besuchten meine Freundin Dr. Vera Fleig und ich ein kleines Waisenhaus in Kiembeni, einem Vorort von Mombasa. Vera, die in Deutschland als Ärztin arbeitet, fiel sofort der lebensbedrohliche Zustand des Babys auf. “Durchfall, Fieber und Mangelernährung waren damals der Grund für seine kritische Verfassung”, erklärt Vera. In einem Taxi brachten wir den Kleinen in ein Krankenhaus, wo ihm die Ärzte jedoch keine Überlebenschance gaben. Denn Hezekiel galt damals als HIV-positiv und war zudem an Tuberkulose (TBC) erkrankt.

Im Februar ging es Hezekiel sehr schlecht. Durchfall und Fieber haben den Kleinen so ausgezehrt, dass ihm die Aerzte keine Ueberlebenschance geben.

Neben Aids ist auch Tuberkulose in Afrika eine häufige Todesursache. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge sind in Kenia im Jahr 2008 von 100 000 Einwohnern 180 an der durch Mycobakterien verursachten Infektion neu erkrankt. In Deutschland waren es nur 5 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner. Weltweit erkranken knapp neun Millionen Menschen pro Jahr an Tuberkulose, etwa 1,6 Millionen sterben pro Jahr – häufig aufgrund unzureichender Behandlungsmöglichkeiten, da die Therapie teure Antibiotika erfordert und langwierig ist. TBC ist vor allem in Afrika, Asien und Osteuropa aufgrund der schlechteren hygienischen Bedingungen und der Mangelernährung auf dem Vormarsch . “Die Krankheit kommt vor allem zum Ausbruch bei Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist: So bricht TBC sehr häufig bei aidskranken Menschen aus”, erklärt Dr. Vera Fleig. Es gibt verschiedene Formen der TBC, meist ist die Lunge befallen. Allen Formen gemein ist eine durch die Infektion verursachte Schwächung des Körpers, verbunden mit einer starken Gewichtsabnahme. Aus diesem Grund ist TBC auch unter dem früher sehr gebräuchlichen Begriff “Schwindsucht” bekannt.

Vera haelt Hezekiel im Arm.

Vera haelt Hezekiel im Arm.

Baby Hezekiel hatte Glück: Durch eine sechsmonatige Antiobotika-Therapie wurde der Junge geheilt. Mittlerweile stellte sich zudem heraus, dass sein HIV-Test negativ ist. “Und nun schau ihn dir an, wie gut es ihm geht”, jubelt unsere Taxifahrerin Mashy, die sich sehr über den Gesundheitszustand von Hezekiel freut. Mashy war es, die damals mit uns den Kleinen ins Krankenhaus brachte. Seither nennt sie Hezekiel nur noch “Survivor-Boy” – was soviel bedeutet wie “Junge, der überlebte“. Hezekiel heisst jetzt William. Er lebt noch immer im Tumaini-Waisenhaus, wohin ihn im Februar nach dem Krankenhausaufenthalt das Jugendamt Mombasa brachte. Denn in dem kleinen Waisenhaus in Kiembeni, wo wir Hezekiel aufgefunden hatten, konnte dieses schwerkranke Baby nicht bleiben, da dort die medizinische Versorgung nicht gewährleistet war.
Nun, acht Monate später, hat er sich prächtig entwickelt. William Hezekiel ist das jüngste Kind im Tumaini-Waisenhaus. Die anderen 39 Kinder im Alter von 1 bis 14 Jahren behandeln den kleinen Dicken wie etwas ganz Besonderes. Wenn sie das Baby erblicken, rufen sie ausgelassen “William, William”, nehmen ihn auf den Arm und kitzeln ihn, bis er lacht. “William Hezekiel hat jetzt viele Brüder und Schwestern, die ihn alle sehr lieben”, sagt Hausmutter Mary. Im Tumaini-Waisenhaus, das von Engländern und Deutschen finanziert wird, hat William Hezekiel nun die Chance auf ein richtiges Leben. Bislang nutzt der Kleine sie prima: Er isst, er lacht, er lebt.

Unsere Taxifahrerin Mashy kann ihre Freude ueber den guten Gesundheitszustand des "Survivor-Boy" nicht verbergen.
Advertisements

2 Antworten zu “Er isst, er lacht, er lebt

  1. Die Geschichte des kleinen Jungen ist ja wirklich schön und ich freue mich mit allen Beteiligten über den Erfolg.
    ABER: Dieses Baby in Ihrem Artikel mehrfach als „dick“ zu bezeichnen halte ich für eine verble Entgleisung erster Güte. Offensichtlich weist er keine Mangelerscheinungen mehr auf, was sehr erfreulich ist, aber in seinem Zusammenhang „der Dicke“ zu schreiben ist für mein Empfinden dumm, wenn nicht gar respektlos und allemal unsensibel!
    MfG, K. Kubisch

    • Sehr geehrte Frau Kubisch,

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Es freut mich, dass Sie meine Berichterstattung aus Kenia verfolgen. Es tut mir sehr leid, wenn Sie meine Verwendung des Wortes “dick” in Zusammenhang mit William Hezekiel missverstanden haben. In meinem Blog berichte ich von meinen subjektiven Erlebnissen in Kenia – und ganz subjektiv betrachtet ist William Hezekiel nun einmal ein dickes Kind. Er ist nicht adipös, aber verglichen mit allen anderen Kindern, die wir bisher in Kenia gesehen haben – und damit meine ich nicht nur die vielen Waisenkinder – ist Hezekiel dicker als alle anderen. (Abgesehen von dem dicken Satin-Tüll-Kind; siehe Bericht “Wir rutschen vorwärts”.) “Dick“’ sein ist nicht negativ gemeint. Ganz im Gegenteil: “Dick sein” bedeutet hier in diesem armen Land “gesund sein“. Wenn ich das Kind, das mir vor acht Monaten fast unter den Händen weggestorben wäre, heute als dick bezeichne, hat dies gewiss nichts mit “Respektlosigkeit” zu tun, wie sie behaupten. Vielmehr soll die Bezeichnung “der kleine Dicke” meine Sympathie für den Jungen zum Ausdruck bringen sowie meine Freude und Dankbarkeit darüber, dass er nun wohlgenährt und glücklich ist.

      Sonnige Grüsse aus Kenia

      Nadine Weigel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s