Jeden Tag sterben 750 Menschen an Aids

 Der kleine Pieks rettete wahrscheinlich ihr Leben. Doch jetzt hat sie Angst. Die kleine Samua versteckt sich ganz hinten in der Ecke des Zimmers. Es ist dunkel in dem Raum, in dem nur zwei Betten stehen. Die Fenster sind mit bunten Tüchern verhangen, die das gleißende Sonnenlicht abhalten. “Sie hat Angst, dass ich sie wieder mit der Nadel steche”, sagt Linet Aluma, lacht und marschiert schnurschtracks ins Zimmer hinein.

Linet Aluma hat Aids den Kampf angesagt. Die 34-Jährige arbeitet freiwillig bei ‘’Hope”. Die internationale Hilfsorganisation leistet Aufklärungsarbeit und Beratung für Betroffene. Und das sind nicht wenige. Schätzungen zufolge sterben in Kenia jeden Tag 750 Menschen an Aids. Zwischen 6 und 7 Prozent der Bevölkerung sind HIV-positiv. Der heterosexuelle Geschlechtsverkehr ist der weitaus häufigste Übertragungsweg der HIV-Infektionen. Mehr als zwei Millionen Menschen tragen in dem ostafrikanischen Statt das Virus in sich. In den vergangenen Jahren ist die Rate ungefähr stabil geblieben – auch dank der verbesserten Aufklärungsarbeit.

Wir sind mit Linet bei der zweijährigen Samua und ihrer Mutter Tina zu Besuch. Beide sind HIV-positiv. „Sie hat die Diagnose vor gut einem Jahr bekommen“, erklärt Linet und Tina nickt zustimmend. Die 28-Jährige sitzt in ihrem Zimmer auf dem Boden und hält ihre Tochter im Arm, die Linet immer noch skeptisch anschaut. Die Diagnose HIV-positiv wäre vor einigen Jahren noch ein Todesurteil für Mutter und Kind gewesen. Heute stehen die Überlebenschancen etwas besser. Denn Kenia bietet seit 2006 die antiretrovirale Behandlung für HIV-Patienten kostenlos an.

Auch Tina nimmt Medikamente. Sie steht auf und holt aus einer Ecke ein blaues Tuch, breitet es auf dem Boden aus. Jede Menge Tabletten, Pillen und Fläschchen mit Saft befinden sich darin. Doch der Eindruck täuscht. „Während bei uns in Deutschland zur dauerhaften Behandlung der Erkrankung bereits mehr als 20 antiretrovirale Substanzen zur Verfügung stehen, werden in Kenia lediglich eine geringe Zahl an Medikamenten verwendet“, erklärt mir meine Freundin und Ärztin Vera Fleig. Dies bedeute, dass weniger auf Nebenwirkungen wie beispielsweise Übelkeit, Durchfall oder Resistenzen reagiert werden kann. Während die Regierung die Behandlung übernimmt, werden die Medikamente von Sponsoren zur Verfügung gestellt. Aber oft sind es zu wenig Sponsoren und häufig mangelt es dann an der erforderlichen, regelmäßigen medizinischen Versorgung.

„Aber dabei gibt es noch ein weiteres Problem“, bemerkt Linet und berichtet, dass die Kosten für die Behandlung von HIV-assoziierten Erkrankungen wie zum Beispiel die häufig auftretenden Lungenentzündungen oder Pilzinfektionen von den Patienten selbst getragen werden müssen. Für Menschen wie Tina sind diese Medikamente jedoch unbezahlbar. Lediglich Kinder bis zum fünften Lebensjahr erhalten die Kosten erstattet. Tina hustet. Sie hat Tuberkulose. Die bei uns früher als Schwindsucht bekannte Krankheit tritt sehr häufig in Kombination mit HIV auf.

„Wir testen täglich um die 60 Menschen, im Schnitt sind 5 bis 6 von ihnen HIV-positiv“, berichtet Linet. Die Hilfsorganisation schlägt ihr Zelt jeweils für eine Woche vor Krankenhäusern, am Strand oder an Schulen auf. Linet und ihr Team führen HIV-Schnelltests durch. Mit einem kleinen Pieks am Finger entnimmt sie Blut. Nach 15 Minuten ist ein Ergebnis da. Linet ist sich der Unsicherheit dieses Schnelltetsts bewusst. Denn der bietet zwar eine große Sensitivität, ist jedoch nur gering spezifisch. Das bedeutet, dass zum Bespiel im Falle einer Hepatitis B-Infektion der Test ebenfalls positiv ausfallen kann. Fällt ein Schnelltest positiv aus, wird der Patient für weitere Untersuchungen und Bestätigungstetsts ins Krankenhaus überwiesen.

In Deutschland werden aufgrund solcher Unsicherheiten keine Schnelltests angewandt, sondern ein viel genaueres und sicheres Verfahren. Dies wäre jedoch in Kenia viel zu teuer. „Nur bei Kindern wird zur Diagnosestellung und zur Therapieüberwachung ein Virusdirektnachweis gemacht und von der Regierung bezahlt“, sagt die auf dem Bett sitzende Linet und rückt etwas zur Seite. Denn mittlerweile sind Tinas Schwestern, Nichten und viele andere Kinder in dem Raum versammelt. Alle wissen, dass Tina und ihr Kind HIV-positiv sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit. „Die Krankheit wird in weiten Teilen der Bevölkerung totgeschwiegen. Wir kämpfen gegen ein großes Stigma an“, betont Linet und erzählt, dass viele Betroffene auch heute noch ausgegrenzt werden. Deshalb freut sich Linet über den kleinen Erfolg in dieser Familie. Sie streicht der kleinen Samua vorsichtig über den Kopf. Das Mädchen ist schon nicht mehr ganz so verängstigt. Sie hat Vertrauen gefasst zu der großen Frau mit dem breiten Lächeln.

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